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April '14



Butter bei die Fische ...

with 4 Comments

... nur wer den Kulturmarkt kennt, kann auch darüber diskutieren.


Die ganze Urheberrechtsdebatte krankt daran, dass sie maßgeblich von zwei Seiten befeuert wird: Die Seite der Content-Großindustrie, die sowohl die Bodenhaftung als auch den Kundenkontakt vor Jahrzehnten verloren hat und die die eigentlichen Kulturschaffenden als gesichtslose, austauschbare Horde von Melkkühen sieht. Und der Seite der Konsumenten, die - von der Content-Industrie pauschal kriminalisiert wird, die sich als Kunden schon lange nicht mehr ernst genommen fühlen und gelegendlich das Gefühl haben, dass sie ausgenommen werden sollen. Kommentar, wie die eines Bosses einer großen Kino-Kette, dass Kinofilme noch viiiel zu billig seien, liefern diesem Eindruck neues Brennmaterial. Oder die Forderung, dass E-Book-Preise immer dem Preis eines Hardcovers entsprechen müssen.

Dazwischen stehen die Produzenten. Sie führen eine Schlacht an zwei Fronten. Einmal müssen sie, als freiberufliche Unternehmer, ihre Forderungen immer gegen die Verwerter durchsetzen und dort kämpfen einige mit ziemlich schmutzigen Tricks um möglichst wenig vom Kuchen an die eigentlichen Produzenten abgeben zu müssen. Schon die Forderung nach einem Prozent mehr Autorenbeteiligung beim nächsten Buch - in einer Reihe die sich wie geschnitten Brot verkaufte - führte in einem mir bekannten Fall dazu, dass der Verlag sich doch lieber einen anderen Autoren ins Haus holte. Ein Prozent mehr Autorenbeteiligung bedeutet selten mehr als ein paar Cent pro Buch.

An der anderen Front kämpfen zu viele Produzenten gegen die Konsumenten - die eigentlich ihre Freunde sein sollten. Einige Produzenten lassen sich von der Content-Industrie vor den Karren spannen, wie beispielsweise Metallica, die ein sehr restriktive Politik gegen Filesharer befürworten oder Madonna die reichlich übertrieben mit einem Staubsauger dagegen protestierte, dass ihre Videos auf Youtube gepostet werden. Einen ähnlichen Effekt hatte die Heidelberger Erklärung für den Buchbereich.

Dadurch wird die Position der Produzenten bei den Konsumenten nicht besser. Diese übertragen das Gefühl des Übervorteilt-Werdens von der Content-Großindustrie auch nahtlos auf alle Produzenten. Dazu kommt ein gerütteltes Maß an Legendenbildung über die neuen Möglichkeiten des Internets die alle(!) alten Vertriebswege überflüssig machen sollten und - wie man den Kommentaren zu meinem Artikel unschwer entnehmen kann - auch ein nicht geringes Maß an Ignoranz und Arroganz dem Produzenten gegenüber.

An diesem Punkt unterscheidet sich die Content-Großindustrie erstaunlicherweise nicht vom Konsumenten mit Extremansichten. Beide halten den Produzenten für das Mitglied einer gesichtslosen Masse, dessen Produkte von zweifelhafter Qualität sind, die sowieso überbezahlt sind und sich mit dem hart erarbeiteten Geld des Konsumenten ein Schloß auf Ibiza kaufen.

Zur Verteidigung der Konsumenten führe ich an, dass ihnen im Allgemeinen nur die großen Namen wirklich bekannt sind. Sei es J.K. Rowling, die Gerüchten zufolge inzwischen reicher als die Queen von England ist, sei es ein "Spice Girls"-Sternchen, dass sich mal eben ein Schloß zulegt oder Elvis mit Graceland.

Die große Masse der Produzenten wird nicht reich, kann sich aber selbst erhalten. Hier geht es nicht darum Luxus zu finanzieren, sondern auch Kulturarbeitern menschenwürdige Bezahlung für ihre Arbeit zuzugestehen ohne gleich alles krampfhaft zu subventionieren, dass sich Kultur nennt.


Das große Problem in der Diskussion zum Urheberrecht, beziehungsweise dessen Umbau, ist dass die drei beteiligten Gruppen nicht miteiander reden.

Die Content-Großindustrie ist es gewohnt Preise diktieren zu können und dass das Geschäft auch ohne Austausch mit dem Konsumenten läuft. Sie ist gewohnt, das Spiel über den Mangel zu diktieren. Auf eine Zeit ohne Mangel sind sie nicht eingestellt und derzeit sehen viele von ihnen den Weg der Justiz als gangbar um die 'alte Ordnung' wiederherzustellen.

Die Produzenten waren es gewohnt vor sich hinzuwurschteln. Konsumentenkontakt gab es ehemals höchstens durch Fanpost und schon Interviews geben oder Live-Konzerte galt als Beziehung. Alles meist gefiltert durch die Industrie als Zwischenglied und Vermittler. Viele Produzenten bemerken jetzt erst so langsam, dass sie auch direkt mit ihren Lesern oder Hörern sprechen können und gehen damit noch unbeholfen um. Zudem übersehen sie oft die eigene zweite Rolle. Produzenten sind immer auch Konsumenten und können nicht selten erstaunlich schnell und unreflektiert von einer Rolle in die nächste umschalten. Da passiert es durchaus, dass sich ein Textarbeiter, der sich wenige Sekunden zuvor über Urheberrechtsverletzungen an eigenen Texten ereiferte, im nächsten Moment darüber beschwert dass ein Fotograf für das online genutzte Promofoto auf einmal zusätzlich bezahlt werden will, wenn das Foto den Klappentext eines Buches zieren soll.

Die Konsumenten leben in einer Welt, die durchdrungen ist mit Kultur. Dass ein Radiosender um Mitternacht das Programm abschaltet und man dann auf die Musik angewiesen ist, die man zuhause hat - sei es auf Schallplatte oder 'illegal' im Radio mitgeschnitten, das ist heute unbekannt. Nahezu jegliches Gut populärer Kultur kann rund um die Uhr ohne Hindernisse besorgt und konsumiert werden. Radioprogramme senden rund um die Uhr, das Fernsehen ebenso. Es gibt nicht nur Videotheken mit Öffnungszeiten, sondern Online-Videotheken und Bücher die noch nicht als E-Book verkauft werden, finden sich ziemlich wahrscheinlich im Torrent. Das Musik, Filme und Bücher aber ebensowenig aus dem Torrent kommen, wie Strom aus der Steckdose oder Milch aus dem Kaufladen, machen sich die wenigsten bewusst. Ebensowenig, dass auch die theoretische Verfügbarkeit einer Armee von Hobbymusikern, -Filmern und -Autoren diese Durchdringung des Alltags mit Kultur, die wir heute als selbstverständlich empfinden, nicht garantiert.


Bevor das Urheberrecht gerecht umgestaltet werden kann, müssen sich alle beteiligten Parteien über mehrere Dinge klar werden:


  • Kein Glied der Kette ist überflüssig. Weder die Kunden, noch die Produzenten noch die Verwerter werden überflüssig werden. Allem freien Internet und allen Visionen zum Trotz.

  • Die Verwerter würden sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, gut zu verdienen aber nicht in obszönen Margen. (Wobei es nur ein kleiner Teil der Verwertungsindustrie ist, der wirklich obszön viel verdient. Für kleine Labels, kleine Verlage, kleine Filmfirmen gilt was für den durchschnittlichen Produzenten gilt. Sie verdienen nicht mehr und nicht weniger als der Durchschnitt im unteren Mittelfeld.) Sie wird sich auch damit abfinden müssen, das Kultur eben kein 'Geschäft wie jedes andere' ist, sondern eine gewisse Verantwortung der Gesellschaft gegenüber damit verbunden ist.

  • Die Produzenten müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass ihr Leben auch in Zukunft kein Ponyhof sein wird. Der Markt wird vermutlich noch fragmentierter sein, als es jetzt schon ist. Neue Möglichkeiten bringen immer auch neue Schwierigkeiten mit sich. Sie werden sich auch daran gewöhnen müssen, möglicherweise nur noch von den Konsumenten bezahlt zu werden, die ihre Produkte auch tatsächlich konsumieren und mögen. (Buchverkäufe z.B. bilden nicht ab, welche Bücher tatsächlich gelesen werden. Noch weniger Downloadraten bei E-Books, Filmen oder Musik. Vieles wird in Hamsterlaune heruntergeladen und führt dann ein vergessenes Dasein in staubigen Ecken einer Festplatte.)

  • Die Konsumenten werden sich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass Kunst und Kultur vielleicht frei sein soll, Künstler und andere Wissensarbeiter aber eben doch nicht von Luft, Liebe und Applaus leben, sondern vom Brot für das sie beim Bäcker nicht weniger bezahlen müssen als alle anderen auch.
    Das zur Produktion von Kultur mehr gehört als 100 Affen vor hundert Schreibmaschinen zu setzen, ein paar Tasten am Synthie zu drücken oder etwas Farbe auf eine Leinwand zu klatschen. Das Wege gefunden werden müssen wie Künstler von ihrem Tun weiterhin leben können und dass das Wikipedia-Modell nur eine Ausnahme sein kann, aber nicht die Regel.



Schon seit Jahren versuche ich meinen Teil beizutragen, diese Gespräche in Gang zu bringen. Kollegen von Überreaktionen abzuhalten und ihnen zu versichern, dass die Konsumenten sie eigentlich gar nicht ausräubern wollen. Dank den Kommentaren in diesem Artikel, ist meine Überzeugung selbst ins Wanken geraten. Dennoch versuche ich damit weiterzumachen. In alle Richtungen. Weil ich kann.

Und hier geht es demnächst weiter:


Posted by Mela Eckenfels

02/10/2011 at 21:01:25

3007 hits
Last modified on 2011-02-11 18:43


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4 Comments to Butter bei die Fische ...

  1. Ein wirklich guter Artikel, Mela, der die Probleme auf den Punkt bringt und die Auswege realistisch einordnet. Eigentlich wollte ich mich selbst mit diesem Thema auch in einem Blogbeitrag auseinandersetzen, aber ich finde, du hast schon alles gesagt.

    Roland

    10 Feb 11 at 21:59

    Reply

  2. Du hast es auf den Punkt gebracht! Danke :-)

    Broken Spirits

    11 Feb 11 at 02:27

    Reply

  3. Ein begeisternder, sachlicher, fachlich versierter Artikel mit Blick auf das "Große Ganze" inclusive des Hineinversetzens in jede Rolle dieser "Dreiecksbeziehung". Genau so etwas - eine vernünftige, sachliche Ist-Analyse - wünschte ich mir in vielen Bereichen. So sollte Problemlösung und politisches Arbeiten immer sein. thumbs up

    Knutsen

    24 Feb 11 at 15:11

    Reply

  4. Klasse - auf den Punkt gebracht

    Günter Born

    25 Oct 11 at 23:09

    Reply

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