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Wenn man schreibt, wird man ja öfter mal gefragt, wie man mit dem Schreiben anfängt und dann auch irgendwann publiziert. Oder man sucht den Kontakt zu anderen Schreibenden und tritt Mailinglisten, Foren oder Facebook-Gruppen bei.

Dort habe ich wiederholt die Beobachtung gemacht: viele Menschen mögen den Gedanken, geschrieben zu haben.

Aber es geht ihnen eigentlich nicht um das Schreiben.

Es geht ihnen um die Anerkennung, den potenziellen Ruhm, den eigenen Namen auf dem Umschlag.

Aber, der Prozess des Schreibens, das ist dann eher so das lästige Beiwerk.Dementsprechend wird das Schreiben selbst oft nur unter dem Gesichtspunkt des Return-of-Investment betrachtet.

Beispielhafter Kommentar aus einer FB-Gruppe, paraphrasiert: „Wenn ich schreibe, dann mache ich das, um damit Erfolg zu haben.“

Ich mein, klar, das Schreiben ernst zu nehmen und die innere Haltung zu haben, ist sinnvoll. Es als Job zu begreifen und nicht als Hobby.

Weil es ein Beruf ist und ein Handwerk.

Aber, das war mit dem Satz ja nicht gemeint. Sondern, damit war gemeint: ich schreibe jetzt ein Buch und das wird ein Erfolg. Punkt.

Kein Pfund Bewusstsein, das Schreiben ein Handwerk ist, dass man nicht von jetzt auf gleich ‚gut‘ oder auch nur lesbar schreibt. Und kein Interesse an dem Prozess des Schreibens. Nicht schreiben, weil man was zu sagen hat, sondern weil man publiziert haben will.

Und damit eben auch kein Verständnis dafür, dass man Schreiben nicht in die Wiege gelegt bekommt, sondern man das Handwerkzeug erlernen muss und dass, für das sichere Beherrschen der Werkzeuge Übung nötig ist. Wieder und wieder.

Ich hatte mal eine ‚Schreibgruppe‘ die sich nach dem 2 oder 3 Treffen direkt zerlegt hat.Als ich begann Schreibübungen mit ihnen machen zu wollen, war die gemeinsame Einstellung der Gruppe: Warum sollen wir das machen, das ist doch langweilig?

Die Antwort wäre gewesen: um das Handwerk zu lernen. Weil auch Autoren üben müssen, bis Techniken sitzen. Weil man dem Werk, nicht mehr an sehen soll, welche Techniken benutzt wurden, weil das bedeutet, dass man sie noch nicht richtig beherrscht, noch nicht verinnerlicht hat.Wie man auch einem fertigen Schrank die Spuren der Säge nicht mehr ansieht, sieht man einem fertigen Buch nicht mehr an, ob der Autor erst den Plot ausgearbeitet und dann geschrieben hat oder ob sich die Handlung beim Schreiben entwickelte und …

… der Autor x Mal im Text zurück gesprungen ist, um das bereits geschriebene der neuen Entwicklung anzupassen¹.

Aber diesen Prozess, zu einer Person zu werden, die schreiben kann, die etwas zu sagen hat, den wollen viele nicht beschreiten.

Da muss es dann schnell gehen.Publiziert haben wollen vs. Schreiben wollen.

Bei den meisten bleibt der Wunsch geschrieben zu haben dann auch eine lebenslange Stasis. Weil eben der Aufwand, zu schreiben, nicht betrieben wird.

Weil man nicht wirklich schreibt, sondern nur alle paar Jahre, wenn einen ‚die Muse küsst‘ und man ‚in der Stimmung ist‘ ein paar Zeilen aufs Blatt bringt, die dann wieder liegen bleiben.

Plot-Twist

Und nun, Plot-Twist:

Ich hab vermehrt den Eindruck, dass es bei Heilpraktikern, nicht selten, ganz ähnlich ist.

Nur begnügt man sich dort mit dem Gefühl geholfen zu haben. Man geht aber nicht so weit die Fähigkeiten zu erlangen, wirklich zu helfen.

Und damit meine ich jetzt explizit nicht die Sorte, die den Heilpraktikerschein macht, um mit Wellnessangeboten auf der rechtlich sicheren Seite zu sein.

Sondern ich meine genau jene, die der Ansicht sind, sie heilen, wenn sie Zuckerkügelchen verschreiben oder Nadeln irgendwo reinstecken.

All jene, die mit dem Glauben an die Sache gehen, dass sie 10 Techniken haben und wenn sie alle 10 bei einem Patienten durchprobieren und Nr. 10 wirkt endlich, dann haben sie die Methode gefunden, die für den Patienten die richtige ist.

Und nicht etwa, dass die Krankheit inzwischen von alleine ausgeheilt ist.

Wenn ich mir das Selbstverständnis vieler Heilpraktiker, das Selbstbild, und deren Wünsche so ansehe, dann wollen die meisten eigentlich Mediziner sein.

Aber sie haben weder die Zeugnisse, noch das Durchhaltevermögen für ein Medizinstudium.

Der Heilpraktiker gibt ihnen die Möglichkeit, den Traum des gefühlten Helfens zu verwirklichen und weil sie Gespräche und den Placeboeffekt auf ihrer Seite haben, steht das Bild.

Und mehr braucht es auch nicht. Wenn sie sich sicher sein wollten, zu helfen, dann würden sie den Weg auf sich nehmen und einen Ausbildungsberuf im Medizinsektor ergreifen oder Medizin studieren.

Aber viel besser ist es, den Heilpraktiker zu machen, für den man auch nicht wirklich intensiv lernen muss, weil ja sowieso alle Methoden offen für die Interpretation sind. Aber man hat nicht nur das Gefühl, geholfen zu haben, man hat auch das Gefühl, gelernt zu haben.

Aber auch das ist wohl eher eine Simulation des Lernens. Denn, wir reden ja nicht von Behandlungen von Techniken, bei denen man genau sein muss, und kenntnisreich, und jedes Versehen den Erfolg verhindern kann.

Sondern wir reden von ‚althergebrachtem Wissen‘, das sich keiner Überprüfung stellen muss und das auch in etwa so vielen Anwendungsvarianten daherkommt, wie es Anwender gibt.

Wenn Menschen davon träumen, geschrieben zu haben, ist der größte Schaden, dass sie eben kein Buch veröffentlichen, solange sie sich nicht auf den Prozess des Schreibens einlassen.

Aber ich denke, wir sollten uns wirklich gut überlegen, ob wir uns eine ganze Berufssparte leisten wollen, die im Endeffekt vor allem dem Wunsch der Heilpraktiker selbst dient, geholfen haben zu wollen.

Problematischer Altruismus

Helfende Professionen ziehen ohnehin Personen an, die helfen wollen und das nicht immer, aus den richtigen Gründen

Dann sollten wir wenigstens sicherstellen, dass diese gut ausgebildet² sind, statt mit dem Gefühl gelernt zu haben ausgestattet zur Gefahrenabwehrprüfung antreten.

¹) Ja, das tun Autoren. Nein, der Plot sitzt nicht beim ersten Versuch. Niemand ist ein übermenschliches Genie.

²) Bzw, das gerne dann auch in dem wir das Schulsystem durchlässiger machen und nicht Kinder aus Arbeiterfamilien zurückhalten, weil sie aus Arbeiterfamilien stammen.Wir brauchen Mediziner aus allen Schichten, die auch unterschiedliche Lebenshintergründe verstehen.Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sich das Gros der Heilpraktiker nicht aus Personen zusammensetzt, die aufgrund ihrer Herkunft in der Schule benachteiligt wurden und nun keinen anderen Weg sehen, in einen heilenden Beruf vorzudringen.Die ‚Heilpraktikerausbildung‘, d.h. an Heilpraktikerschulen Kurse zu belegen, ist selbstfinanziert und daher dürfte man auch hier eher die Mittelschicht vorfinden, die sich den Spaß leisen kann und will.Und wenn ich schon dabei bin: diese Heilpraktikerschulen mit Bildungsgutscheinen zu finanzieren, kann auch weg.

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