Reaktion auf meine drei Fragen an die ALTE LEIPZIGER

Vorgeschichte: Die ALTE LEIPZIGER Versicherung veröffentlicht ein Video in dem sie die Berufsunfähigkeitsversicherung erklärt. Protagonisten sind zwei Frauen, die sich gerne im Morgenmantel am Zaun stehend mit einer Tasse Kaffee unterhalten und deren Leben gut ist. Bis die eine Frau ausziehen muss, weil ihr Mann nach einem Unfall nicht mehr im Beruf arbeiten kann und das Häuschen nun zu teuer ist.  Das veranlasst die andere Frau bei ihrem Mann nachzufragen, was sie denn in einem solchen Fall machen würden und ihr Mann beruhigt sie, dass sie dank der Berufsunfähigkeitsversicherung gut abgesichert sind. Zum Dank bekommt er von ihr sein Lieblingsgericht gekocht.

Fassen wir zusammen: Frauen als passive Subjekte, die sich keinen Kopf um die ernsten Dinge des Lebens machen müssen und alle Geld- und Versicherungsgeschäfte in die Hände des Mannes legen, damit sie weiter in Ruhe am Gartenzaun klönen können. Unselbstständig und weltfremd wie Kinder.

Ein Video, das – wohlgemerkt – nicht zu Schwemme der berüchtigten US-Hausfrauen-Werbungen der 50er Jahre gehört, sondern das von einer deutschen Versicherung im Jahr 2015 veröffentlicht wurde. Die Social Media-Abteilung der Versicherung nennt das auf Facebook ‚Augenzwinkernd‘. Wo nun genau das Augenzwinkern sein soll, wenn Frauen als verantwortungslose Nutznießer ihrer hart arbeitenden Männer dargestellt werden … ich weiß es nicht.

Mich machte das Video jedenfalls sehr wütend und in der Folge schrieb ich meine drei Fragen an die ALTE LEIPZIGER auf und schickte sie ihnen auch über das Webformular zu. Das war am Freitag.

Heute nun kam ein Anruf von einer mir unbekannten Karlsruher Nummer und ich ging leider dran. Am anderen Ende ein Mitarbeiter der Niederlassung der ALTEN LEIPZIGER hier in Karlsruhe, der erstaunt darüber war, eine Reaktion auf das Video in seinem Postfach zu finden und dann auch noch so eine. Er ging erst einmal etwas ironisch auf meine drei Fragen ein. Soweit so gut. Dann sollte ich ihm erklären, was denn nun das Problem mit dem Video sei.

Halt. Stopp. Hier fühlte ich mich zum ersten Mal verarscht. Wir leben im Jahr 2015 und ich muss ernsthaft erklären, warum die Darstellung von Frauen als unselbstständige Weibchen am Herd einfach nicht akzeptabel ist? Warum man diese Darstellung auch nicht ‚augenzwinkernd‘ nennen kann? Wer glaubt die Hälfte der Bevölkerung ‚augenzwinkernd‘ als vollkommen unfähig darstellen zu dürfen, hat definitiv seine Zeit verpasst.

Ich hätte das Gespräch beenden sollen, aber ich versuchte dann doch dem Menschen am anderen Ende zu vermitteln, dass das Video nicht zeitgemäß sei.

Es hieße ja auch die ALTE LEIPZIGER, sagte er.

Ja, alt, sagte ich. Aber wenn dann doch bitte maximal mit dem Charme der 50er und nicht mit ihrem Muff.

Aber die 50er hätten ja Charme gehabt, meinte er.

Hätten sie, sagte ich, aber das Video hätte nur den Muff.

Er versuchte das Gespräch darauf zu lenken, dass ich je alleine stünde, mit einer Ansicht.

Nein, sagte ich, diese Meinung teilten sehr viele.

Ob ich denn zu ’so einem Feministenverein‘ gehören würde, sagte er.

Mir platzte der Kragen. Ich kündigte an das Gespräch nun zu beenden, denn um diese Ansicht zu vertreten müsste man im Jahr 2015 wohl nicht zu ’so einem Feministenverein‘ gehören.

Er meinte, ich habe ja nun meine Meinung äussern dürfen und nun wäre er dran. Und meine Einstellung wäre ja schon so ziemlich feministisch.

Daraufhin erwiderte ich, dass ich es nun ganz einfach so machen würde, dass ich in meinem weiteren Leben einen großen Bogen um seine Versicherung machen würde.

Das sei gut, sagte er, denn sonst bekäme er es ja mit mir zu tun, und das wäre nicht so gut. Weder für mich, noch für ihn.

Mir scheint, die ALTE LEIPZIGER sitzt nicht nur auf einer Abraumhalde Muff, den sie dann großzügig in ihre Erklärvideos einbaut, sondern importiert auch gut erhaltene Versicherungsvertreter direkt aus den 50er Jahren.  Und nein, liebe Mitarbeiter der ALTEN LEIPZIGER Versicherung: Die Einstellung, dass Diskriminierung von Frauen nicht in Ordnung ist, die nennt man im Jahr 2015 nicht ‚feministisch‘, sondern normal.

88 Comments Reaktion auf meine drei Fragen an die ALTE LEIPZIGER

  1. Birte Vogel

    Ich bin fassungslos.

    „Die Einstellung, dass Diskriminierung von Frauen nicht in Ordnung ist, die nennt man im Jahr 2015 nicht ‘feministisch’, sondern normal.“

    Eben. Aber das hat sich wohl noch nicht bis in den Taunus herumgesprochen. Unfassbar.

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  2. Diandra

    Warte, hat da jemand geglaubt, „Ihre Haltung ist feministisch“ sei eine negative Bewertung? Den sollte man doch bitte nicht im Kundenkontakt arbeiten lassen, das ist gefährlich. Mehr für ihn als für uns. ^^

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  3. Lisa

    A) Wo leben diese Leute eigentlich? Kann ja sein, dass es noch eine Zielgruppe für diese Art von diskriminierender Werbung gibt, aber muss man sie deshalb bringen? Nein, finde ich nicht. Gesellschaftlich sind wir längst woanders angekommen.

    B) Auf Feedback von potenziellen Kundinnen oder einfach denkenden Menschen so angepisst zu reagieren ist ebenfalls unterste Schublade.

    Fazit: Seltsamer Verein! Frauen: Versicherungsverträge prüfen, ob die Alten Herren aus L. dabei sind!

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    1. Jeremias

      Mal ehrlich: Warum sollten nur die Frauen prüfen? Will ich ehrlich was mit so einer Versicherung zu tun haben, die so reagiert? Nö, will ich nicht.

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  4. Frau Elise

    Das ist unglaublich peinlich und beschämend. Ich hab´s mal auf Twitter gepostet, den ein oder anderen erreicht man dort sicher auch noch – immerhin hab ich über 5000 Follower. Wenn das für was gut ist, dann für so etwas.

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  6. Robert

    Unglaublich. Wen haben sie da denn ans Telefon gelassen. Ich hoffe, er hat eine gute Arbeitslosigkeitsversicherung, denn lange scheints den Verein ja nicht mehr zu geben.

    Ich schließe mich meinen Vorrednerinnen an (nur sollten auch Männer ihre Versicherungsverträge prüfen 😉 ). Solche Leute braucht niemand.

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  8. Doro Steeb

    Ich kriege Nackenschmerzen vom Kopfschütteln. Dieses Telefonat ist ja noch peinlicher als das Video selbst – und das muss man erst mal hinkriegen. Danke, Mela, dass Du versucht hast, dem Herrn ins 21. Jahrhundert zu helfen. Auch wenn es nicht geklappt hat. Alte Leipziger – Höhlenmenschen mit Schlips.

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  22. Sigi

    Danke Robert. Ich finde auch Männer werden in dem Video absolut aus-der-Zeit-gefallen dargestellt. Die Männer in meinem Umfeld leben wesentlich emanzipierter als in diesem dummen Video, ganz egal, ob sie 30, 50, 70 oder 100 Prozent zum Haushaltseinkommen beitragen. Und Frauen anzugehen, weil sie nicht als Dummchen dargestellt werden möchten, ist unterirdisch. Naja, vielleicht hört die #AlteLeizpziger noch den Gong.

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  24. Christine Hutterer

    Es ist wirklich zum Heulen. Unfassbar. Ich habe letzte Woche hier eine Plakatwerbung gesehen (leider war ich zu sehr in Eile, um sie zu fotografieren) auf der war eine Frau abegbildet und dort stand: Vormittags arbeiten, nachmittags Mutter.
    Mir ist fast übel geworden. Fehlen nur noch die Zusätze: Abends Köchin, nachts perfekte Liebhaberin, am Wochenende Putzfrau, …
    Unglaublich.

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  25. Petra A. Bauer

    Unfassbar, liebe Mela.
    Ich würde mich nun echt nicht als Feministin bezeichnen, weil ich immer schon dafür war, gleichbereichtigt zu handeln und ich dafür keinen Begriff brauche. Aber sich von so ewig gestrigen Hirnis auch noch dumm anmachen zu müssen, wenn man für NORMALITÄT eintritt, das zeigt, was für eine Geisteshaltung hinter der gesamten Versicherung steht.
    Ganz schlimm.
    Gehe jetzt auf Teil-Tour.

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  29. Sandra

    Warte mal eben: Hat der dir am Ende sogar gedroht?? Mein lieber Scholli, ich habe Puls. Unfassbar. Aber hey, Karlsruhe, Stadt des Rechts, Stadt der Ordnung, so simmer dahanne ebend. Oder nicht? Oder doch? Boah.

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    1. Mela Eckenfels

      Ich würde nicht soweit gehen, das zu sagen. Aber der Unterton des Gesprächs war, vor allem am Schluß, doch eher unangenehm. Keine Person, mit der ich im Real Life Kontakt haben wollte.

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  34. Claire

    Wow. Unfassbar.
    Danke für den Artikel. Gut zu wissen, an wen ich mich nicht wenden werde, falls ich doch mal eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließe (oder warte, ich frag erst meinen Mann, der kennt sich einfach mit allem besser aus…).
    Nicht zu glauben, dass sich Leute heute noch trauen, so was laut zu sagen (dass sie es im Kopf haben, ist ja schlimm genug, aber das wundert mich weniger).

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  37. Anton

    Ich glaube sie haben hier alle ein Problem. Das die Frauen sich über ihre Männer am Zaun unterhalten heißt erst mal nicht das sie ans Herd gehören. Europa übertreibt das Ganze mit dem Feminismus. Eine Frau muss als Frau bleiben. Und die Männer auch. Die Natur hat euch nicht umsonst als schwaches Geschlecht ausgeprägt. Somit muss der Mann sich um euch kümmern. Es geht hier um eine Symbiose. Ein zusammen schaffen des Lebens. Gegenseitig helfen. Eine Frau wird Physisch nie an einen Mann kommen. Was es Beruflich in Deutschland ist, ist es Traurig anzusehen. Die Frauen sind hier selber schuld. z. B. In Russland sind viel mehr Frauen in Technischen berufen und sind zum Teil erfolgreicher. Aber sie werden als Frauen behandelt und nicht als Kumpel mit denen man Bier saufen und über Autos unterhalten muss. Ihr hier seit schon ein wenig Krank was Feminismus betrifft. Ich möchte der Frau die Tür auf halten. Ich möchte der Frau die schweren Sachen tragen. Ich will das die Frau als Frau ist. Ich möchte ihr Blumen schenken und sie muss nicht in der Küche stehen. Denn auch ich will ab und zu Kochen. Sie muss sich mehr um die Kinder kümmern den sie hat mehr Emotionen als ein Mann. Und soweiter. Hätte ich eine Tastatur und nicht ein Handy so würde ich euch das Kranke hier beschrieben was ihr hier alle habt

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    1. Jeremias

      Was soll ich dazu sagen…

      Vielleicht, dass der gute Mann keine Ahnung von Russland hat?
      Vielleicht, dass der gute Mann offenbar keinerlei Selbstbewusstsein hat, wenn er ein schwaches Geschlecht postuliert?
      Vielleicht, dass er durchaus zu bemitleiden ist, weil er keine Emotionen hat?

      Vielleicht aber auch, dass ich nur eine Person hier „krank“ finde. Und das ist Anton. Er möge sich doch wieder ins viktorianische Zeitalter begeben und H.G. Wells nicht seine Zeitmaschine stehlen. In der jetzigen Zeit möchte ich solche Aussagen nicht lesen.

      Übrigens:
      Ich brauche, trotz männlichen Geschlechts, keine Frau, um die ich mich kümmern muss. Ich möchte eine Partnerin auf Augenhöhe.

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    2. Mela Eckenfels

      Ich habe diese Tweet wider besseren Wissens freigeschaltet. Er ist aber auch gleich der ‚First Strike‘. Beim nächsten Strike gibt es einen Ban.

      Ich dulde keine Pathologisierung als Diskussionsmittel in meinen Blogs.

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