Mir ist Medizin, Wissenschaft und skeptisches Denken näher als Globulis, gefühlte Wahrheiten und magisches Denken, aber Skeptikerin möchte ich mich eigentlich nicht nennen und erst recht nicht Humanistin¹. Und es gibt da einen Punkt, mit dem mich Personen aus dieser Ecke immer wieder rasend machen.

So auch dieses ansonsten eigentlich recht nette Filmchen des skeptischen Commedians Tim Minchin.

 

 

Ein paar Punkte darin finde ich zwar zutreffend, aber argumentativ eher schwach und nicht geeignet eine esoterisch angehauchte Person dort abzuholen wo sie steht. Wo mich der Film dann aber gänzlich verliert, ist die Stelle an der Minchin dramatisch darauf hinweist, dass wir heute doppelt so lange leben.

Denn mit Verlaub: Nein, tun wir nicht.

Wir leben statistisch gesehen doppelt so lange, aber wir haben nicht irgendwann begonnen langsamer zu altern.

Was das statistische Lebensalter früherer Zeiten drückt, ist vor allem die hohe Kindersterblichkeit. Kinder, die die Geburt an sich überlebten, erwischte es häufig bis zum Alter von zehn Jahren, wenn eine der — fälschlich heute oft für harmlos gehaltene — Kinderkrankheit zuschlug. Oft schlechte hygienische Verhältnisse taten ihr übriges dazu. Aber wer das zehnte Lebensjahr erreichte hatte durchaus Chancen auch ein verhältnismässig hohes Alter zu erreichen. Ich will gerade nur rumranten und keine Daten raussuchen, aber ja, auch von Menschen die ein Alter von 90 Jahren und mehr erreicht haben, gibt es Berichte.

Natürlich überlebte man schwere Unfälle damals viel seltener als heute, Kriege und Mißernten waren nicht selten und wer mit einem exotischen Herzfehler auf dem Feld umfiel wartete vergeblich auf den Rettungsheli und blieb einfach tot. Aber, ich wiederhole mich, wir alterten nicht schneller.

Denn natürlich bleibt die falsche und populistische Interpretation historischer Statistiken nicht ohne Folgen und es kommt immer jemand um die Ecke geschissen, der gleich behauptet in irgendeinem diffusen ‚Damals‘ wäre man mit 30 quasi schon greise gewesen.

Bullshit.

Bitte, wenn ihr für eure Diskussionen mit Esoterikern und Naturfreaks irgendwelche beeindruckenden, plakativen Beispiele bringt: zutreffen sollten sie schon. Gerade wenn man die eigene Wissenschaftlichkeit wie einen Banner vor sich herträgt.

 

¹) Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

1 Comment „Twice as long“

  1. Ishtar

    nicht zu vergessen, das Lebensalter fällt unter Lügen mit Statistik. „wir werden alle älter / wir haben ein Durchschnittslebensalter von X“. Nein. Die Leute, die heute 75 oder älter sind, haben ein solches Alter. Sauber wissenschaftlich aufgelöst müssten solche Berechnungen nämlich sehr viel mehr als bloße Zahlenspiele umfassen. Etwa: die Generation meiner Großmutter (1909) lebte bis zum zweiten Weltkrieg ohne nennenswerte Strahlung und Abgase. Bis in die 60er Jahre ohne hochverarbeitete industrielle Nahrungsmittel. Ohne Plastik, Teflon, Weichmacher. Ohne nennenswerte Mengen Medikamente und Antibiotika. Plus, Hungersnöte und zwei Weltkriege haben vorzeitig massiv ausgesiebt. Meine / unsere Generation lebt mit ganz anderen Belastungen – von chemischen Einflüssen bis hin zu einer Arbeitswelt und Stress, die meine Großeltern nicht kannten. Sie arbeiteten hart körperlich, aber unter ganz anderen Umständen als wir heutzutage. Davon auszugehen, dass jemand, der 1910 oder 1920 oder 1930 geboren ist, auch nur annähernd in seiner gesundheitlichen Entwicklung mit jemandem vergleichbar ist, der nach dem 2, Weltkrieg oder gar nach 1960, 1970, 1980 geboren ist, ist einfach Dummfug, oder vorsätzliche Desinformation. (Und wenn ich alleine die Suizidraten meiner Generation sehe, und die Hirntumore, weiss ich, dass da etwas im argen liegt.). End of rant…

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