Ein paar Gedanken über die Fixierung der Pandemie-Leugner auf Christian Drostens Doktorarbeit.

Daran hat mich nämlich von Beginn an irgendwas gestört, ich konnte nur nicht den Finger drauf legen. Inzwischen denke ich, ich kann es.

Das erste Mal ins so richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit ist das Thema „Plagiatsjäger“ wohl durch Karl-Theodor zu Guttenberg gekommen. Bzw. dort wurde auch zum ersten Mal sowas wie für das Kernproblem sensibilisiert: Doktortitel als Karrierehelfer.

Nicht nur in der Politik, aber eben auch. (Es ging eine Weile das Gerücht, dass beispielsweise SAP jeden einstellt, der einen Doktortitel hat. Egal welche Fachrichtung. Weil es sich gut macht, Consultants mit Dr. Titel zu haben.)

In einigen Parteien gehörte der Dr. ‚dazu‘ wenn man innerparteilich aufsteigen wollte. In anderen, sagen wir, schadete er nicht.

Ob nun zutreffend oder nicht, man konnte den Eindruck gewinnen, dass es auch innerhalb des akademischen Betriebs parteinahe Seilschaften gab. Die dann Nachwuchs-Politikern mit zugedrückten Augen und Hühneraugen den Weg zum Doktortitel geebnet haben.

Wie gesagt, ich sage nicht, dass ist der Fall. Nur, dass der Eindruck entstehen konnte.

Und so ein Eindruck macht Probleme. Der deutsche Doktortitel hat(te) international etwas Schlagseite bekommen.

Nagelt mich gerade auf die Details nicht fest, aber ich glaube, die bundesweit sehr uneinheitlichen Anforderungen haben im Ausland die eine oder andere Augenbraue gehoben.

Wenn es jetzt also auch noch so wirkt, als gäben Unis Doktortitel an aufstrebende Politiker aus, wie der Hausarzt Lollies beim Impfen, dann ist das richtig blöd.

Sowohl für das Ansehen des akademischen Grades im Ausland, als aber auch für jeden Träger eines Doktortitels, jeden aktiven Doktoranden. Deren jahrelange Arbeit, die in eine Doktorarbeit fließt, auf einmal entwertet wird. Als etwas, das man mit dem richtigen Parteibuch nebenbei so mitnimmt. Als etwas, in das keine echte Forschungsleistung geflossen ist.

Wenn man bedenkt, dass in eine Doktorarbeit 3-6 Jahre Lebenszeit fließen … das ist nicht lustig.

Das dürfte bei den meisten Menschen aber nicht so angekommen sein. Sondern was angekommen ist: Politiker wurden Plagiate nachgewiesen. Politiker verlor den Doktortitel. Politiker musste zurücktreten.

Das ganze noch ‚gesteuert‘ aus einem anonymen Kollektiv heraus.

Also quasi die Fieberphantasie des Bürgers, der sich der Politik machtlos ausgeliefert fühlt und es ‚denen da oben‘ mal so richtig zeigen will.

Geheimnisvolle Namenlose bringen mächtige Leute zu Fall.

Das blieb hängen. Da interessiert es dann auch nicht so richtig, was ein Doktortitel eigentlich sein soll und warum ein Plagiat da auch ein ziemliches Ding ist. Nämlich eine eigenständige, wissenschaftliche Leistung. Der Nachweis, wissenschaftlich arbeiten zu können.

(Eine Fähigkeit, die man sich derzeit durchaus auch bei Politikern wünscht. Schaut zu @MPKretschmer)

Aber eben kein Gadget, mit dem man sich einfach die Visitenkarte aufhübscht, das Türschild veredelt und sich mit ‚Frau Doktor‘ oder ‚Herr Doktor‘ ansprechen lässt. Aber, was bei der Bevölkerung hängen blieb war: Damit bringt man mächtige Leute zu Fall.

Und deswegen denke ich auch, fixieren sich einige so auf die Doktorarbeit von Christian Drosten. Obwohl die nicht so relevant ist, wie im Fall eines Politikers.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Eine plagiierte Doktorarbeit oder sonstiges direktes wissenschaftliches Fehlverhalten wäre durchaus ein Problem. Es würde die Reputatione eines Forschers – zu recht – stark beschädigen.

Es wäre ein extremer Vertrauensbruch.

Wer so trickst (oder schlampt) während er gerade seine wissenschaftliche Karriere startet, dessen Vertrauenswürdigkeit ist erst mal nicht besonders hoch.

Wer früh eine niedrige Hemmschwelle zu betrügen bzw. hohe kriminelle Energie zeigt, kann sich später zwar durchaus fangen und seine Wege ändern, in einem gewissen Teil der Fälle bleibt der Charakterzug aber auch bestehen.

Gut, aber dennoch haben wir bei Christian Drosten ja eine ganz andere Situation. Für ihn war es kein Doktor-to-go. Kein Accessoire für die Zeit nach der Uni. Für ihn war es eine Stufe seiner akademischen Karriere.

Die einen simulieren mal kurz wissenschaftliche Arbeit, um einen fancy Namenszusatz zu bekommen, während Drosten seit gut 2 Jahrzehnten wissenschaftliche Arbeit leistet.

Ganz egal, wie gut oder schlecht die Doktorarbeit gewesen wäre: er ist in seinem Fach weltweit anerkannt. Hat sich einen Namen gemacht. Und das nicht ohne Grund.

Den Nachweis, dass er wissenschaftliche Arbeit leisten kann, hat er also Jahr um Jahr erbracht. Bei ihm ist es nicht die eine wissenschaftliche Arbeit, an der alles hängt. Er ist der Typ, mit den 20 Jahren Erfahrung, bei dem niemand mehr das Abiturzeugnis in den Bewerbungsunterlagen erwartet.

Was also mein Gefühl ausgelöst hat, dass irgendwas stört, irgendwas nicht ganz stimmt: Der Hebel ‚Doktorarbeit‘ wurde IMHO ausgepackt, weil es etwas ist, dass die Öffentlichkeit auch ohne große Erklärungen zu verstehen glaubt.

Quasi: Da hat wieder mal jemand den Doktortitel nebenbei mitgenommen um außerhalb des akademischen Betriebs einen auf dicke Hose zu machen.

Nur, dass dieser Spin keinen Sinn mehr ergibt, wenn die betreffende Person aktiver Akademiker ist. Außer: Der ‚falsche Doktortitel‘ als Mittel, um jemanden, der als mächtig empfungen wird, zu Fall zu bringen.

Und weil schon der Eindruck aufgekommen war, die Pandemie gäbe es nur, weil Dr. Drosten das sagt, mit Christian Drosten fällt eben auch die ganze Pandemie.
Wahrscheinlich war es der Angriff der sich Ausgeliefert-Fühlenden gegen Fakten. Der einzige Hebel, der scheinbar immer funktioniert.
Und weil ja sonst immer was gefunden wurde und von neidischen Kollegen oder Politikern ein Bild von Christian Drosten als Versager gezeichnet wurde, musste doch auch was mit der Doktorarbeit faul sein, oder? ODER? Und damit dann auch die Pandemie beendet.

Eigentlich eine fast lustige Verkettung von Wunschdenken. Wenn dieser Eiertanz der Leugner nicht so viel Zeit und Energie kosten würde und im Endeffekt auch Menschenleben.

3 Comments Von der merkwürdigen Fixierung auf Christian Drostens Doktorarbeit

  1. Pingback: Die Corona-Leugner-Strategie: Flooding the Zone with Bullshit | Feder & Herd

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