Mein nun bald 5 Jahre altes Sharepic zum Fachkräftemangel hat es auf Reddit geschafft und wird dort heiß diskutiert. Unter den Gegenargumenten findet sich häufiger die Aussage „die Arbeitslosenquote sagt etwas anderes“.

So einfach, dass jeder und jede, die im erlernten Beruf keine Anstellung findet, dann in der Arbeitslosenstatistik ist und bleibt, ist es aber nicht. Ich werde das hier mal versuchen für zwei Gruppen nachvollziehbar zu machen, mit denen ich mich sehr gut auskenne: Frauen und Menschen mit Behinderungen.

 

1. Frauen

Frauen werden gleich mal viel seltener überhaupt in (technische) Fachberufe ausgebildet. Die wenigen, die sich nach bald zwei Jahrzehnten Demotivation auf der Schule, dass ‚Technik ja nichts für Frauen ist‘, überhaupt noch für einen Beruf in diesem Bereich geeignet fühlen, finden dann oft keine Ausbildungsstelle. Vorurteile und Vorbehalte, die Unternehmen davon abhalten, fertig ausgebildete Frauen einzustellen, halten sie oft davon ab, diese überhaupt auszubilden. Man geht davon aus, dass es eine schlechte Investition ist, weil Frauen ohnehin heiraten und Kinder bekommen wollen, und sich dann aus dem Arbeitsleben zurückziehen.

Und was soll ich sagen: Natürlich gibt es dieses Vorurteil, weil es stimmt. Aber das ist kein unwiederrufliches Schicksal, sondern Erwartungshaltung und Realität stehen hier in Wechselwirkung miteinander.

Aber zurück zum Thema, was Frauen tun, die zwar eine qualifizierte Berufsausbildung vorweisen können, aber dann erst mal keine Anstellung finden.

  1. Rückzug ins Private: Die Haupt-Befürchtung von Personalern, dass Frauen wegen Kindern und Familie aus dem Job ausscheiden könnten, wird oft zur selbsterfüllenden Prophezeiung, wenn Frauen dann ausscheiden, weil entweder gleich gar keine Anstellung finden oder keine Anstellung, die flexible Arbeitszeitmodelle bietet. Wenn sich Kinderwunsch und beruflicher Erfolg gegenseitig im Weg stehen und die gläserne Decke winkt, wählen viele Frauen die dauerhaft erfüllendere Variante: den Kinderwunsch. Teils in der Hoffnung, oder vielleicht eher im Selbstbetrug, später wieder in den Beruf einsteigen zu können.
  2. Wechsel in die Selbstständigkeit: Wer keine Anstellung findet, weil er den Unternehmen als zu hohes Risiko gilt, wählt nicht selten die Selbstständigkeit und trägt diese Risiken, mit allen daran hängenden Problemen, selbst. Nicht wenige Frauen ziehen die Selbstständigkeit einer Anstellung vor, weil sie ihnen die notwendige Flexibilität bietet, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, solange alternative Arbeitsmodelle in den Unternehmen eine Seltenheit sind.
    Art und Umfang der Aufgaben, die externe Mitarbeiterinnen übernehmen können, sind aber limitiert. Selbstständige müssen per Definition mehrere Auftraggeber haben, damit sie nicht Scheinselbstständig sind. Externe Mitarbeiterinnen können daher oft, trotz NDAs, nicht so tief, umfangreich oder langfristig in Projekte eingebunden werden, wie fest angestellte Mitarbeiter. Daher wechseln viele Frauen, mit der Selbstständigkeit, auch die berufliche Ausrichtung und verlagern sich z.B. in Richtung:
  3. Wechsel in den Bereich Dokumentation, Textarbeit, Public Relations oder Fachübersetzungen: Möglich, dass mein Bild hier völlig verzerrt ist, weil sich mein Bekanntenkreis überwiegend aus Frauen zusammensetzt, die genau diesen Weg gegangen sind. Aber ich denke eigentlich nicht. Frauen, die keine Stellen in ihrem Berufsfeld finden, sich mehr Flexibilität wünschen, die beruflich schnell an die gläserne Decke stoßen oder schlicht die Nase voll von Vorgesetzten haben, die halb so qualifiziert oder kompetent sind, wie sie selbst, aber dennoch schneller aufsteigen, arbeiten oft nicht mehr direkt in dem erlernten Beruf, aber sie schreiben darüber, bzw. dafür. Oder sie machen Öffentlichkeitsarbeit oder wenden das erworbene Fachwissen für qualitativ hochwertige Übersetzungsarbeit an. So wichtig diese Arbeit ist, die Expertise dieser Frauen geht den Unternehmen für das Tagesgeschäft verloren.
  4. Wechsel in die Ausbildung: Ob (Schein-)Selbstständig als Lehrer in Umschulungen, als Praktikerinnen an berufsbildenden Schulen oder mit Aufbaustudium als Lehrer an allgemeinbildenden Schulen oder als Privatdozentin … wer keinen Platz in der Arbeitswelt findet, findet manchmal einen Platz in der Ausbildung. Auch das sind wichtige Jobs, aber auch die hier Beschäftigten stehen den Unternehmen nicht als qualifizierte Facharbeiter zur Verfügung.
  5. Und Scheinselbstständigkeit: Wer nicht die richtige Nische findet, um mit dem erworbenen Fachwissen Kunden gewinnen zu können, der findet oft nicht ganz so prickelnde Angebote auf dem Markt. Wie zum Beispiel als prekär beschäftigte Scheinselbstständige in Nachhilfeinstituten. Nein, kein Scheiß.
  6. Kompletter Berufswechsel: nicht wenige Frauen orientieren sich irgendwann komplett um und lernen noch einen zweiten, meist weniger hoch-qualifizierten Beruf in einer Branche, die eher den traditionellen Frauenberufen entspricht oder die von vornherein flexiblere Bedingungen bietet.
  7. Unterqualifizierte Arbeits/Jobs: Mal ganz ehrlich, wer die Wahl hat, der vermeidet die demütigende Konfrontation mit dem Jobcenter, so lange er kann. Nicht wenige arbeitssuchende Frauen verzichten daher entweder ganz darauf, oder versuchen so schnell wie möglich irgendeinen Job zu finden. Ob das nun bei Aldi an der Kasse ist, in der Pflege oder stundenweise in einem Büro. Minijobs, you name it. Die Hoffnung, nach ein paar Jahren außerhalb des Berufs — einfach des wirtschaftlichen Überlebens willen — irgendwann den Wiedereinstieg zu finden, ist nahezu nicht existent.
  8. Irgendeine fachfremde Arbeit: Systemische Beraterin, statt Mathematikerin, Heilpraktikerin statt Chemikerin, Hochzeitsplanerin statt Ingenieurin, Tagesmutter statt Pharmazeutin.

Fun fact nebenbei: Firmen sind oft auch nicht Willens, selbstständigen, qualifizierten Frauen das zu zahlen, was sie wert sind. Wenn ich für jedes „Warum sind sie denn so teuer? Sie haben doch einen gut verdienenden Mann“, das eine meiner Kolleginnen aus dem Texttreff von ihren Kunden zu hören bekommt, einen Euro bekäme … die Party ginge sowas von ab.

2. Menschen mit Behinderungen

Sofern Menschen mit Behinderungen überhaupt qualifizierte Abschlüsse erhalten — und unser System tut weiß Gott alles, um das möglichst schwierig zu gestalten — finden auch sie nur selten eine dauerhafte Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Legenden wie „den werde ich nie wieder los, wenn es nicht funktioniert“ verhindern eine Anstellung von vorne herein, ebenso wie Ängste gegenüber Menschen mit sichtbaren Behinderungen oder Vorurteile gegenüber Menschen mit unsichtbaren Behinderungen. Nicht selten versuchen es Unternehmen auch halbherzig, haben aber so viele Vorurteile und stehen nicht wirklich dahinter, dass der Versuch in Frust und Vorwürfen endet. Sehr häufig ist das dann die definierende Erfahrung für die Zukunft, weil „Die“ eigentlich gar nicht wollen, nicht motiviert sind, nicht leistungsfähig etc. etc.

Aber meist kommt es gar nicht mal so weit, weil ‚Die‘ gar nicht für den ersten Arbeitsmarkt geeignet sind, wie es nicht selten Personalverantwortliche kenntnisfrei behaupten. Denn „Die“ sind nun mal keine homogene Gruppe und die Bezeichnung „Mensch mit Behinderung“ umfasst alles vom Ausnahme-Physiker mit ALS bis hin zu Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Hilfe bei der Erledigung alltäglicher Aufgaben benötigen. In dieser Gruppe befinden sich sowohl hochmotivierte Menschen, als auch solche, die längst aufgegeben haben und es gibt auch keine einheitliche Persönlichkeit „behinderter Mensch“, sondern es finden sich alle Temperamente darunter, alle Einstellungen, alle Persönlichkeitstypen.

Allerdings ist Behinderung auch ein Katalysator — vor allem, was den Umgang der Umwelt mit einer Person mit Behinderung angeht — und während einige bereit sind, den neuen Arbeitgeber an der Hand zu nehmen und langsam jeden Schritt gemeinsam zu gehen, sind andere Menschen mit Behinderungen schlicht nicht mehr Willens oder in der Lage sich jede Scheiße überkübeln zu lassen, die die Außenwelt so für sie vorhält.

Lange Vorrede, kurzer Sinn. Wohin verschwinden denn nun Menschen mit Behinderungen, die keine Anstellung finden, aber auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen?

  1. Behindertenwerkstätten: Wer immer noch der Ansicht ist, dass in Behindertenwerkstätten nur Menschen sitzen, die kognitiv nicht in der Lage sind, einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt auszuüben, möge diese schnell korrigieren. Oder, dass ein akademischer Abschluss davor schützen würde, in einer Werkstatt zu landen.  Ganz im Gegenteil. Behindertenwerkstätten sind ein Riesengeschäft für Wohlfahrtsunternehmen und obwohl weniger Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen geboren werden, nimmt die Zahl der in Werkstätten beschäftigten Menschen zu. Darunter vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen — Depressionen, zum Beispiel — denen man den Wiedereintritt in den ersten Arbeitsmarkt nicht zutraut oder bei denen man es bequemerweise erst gar nicht versucht.
    Zwar können Menschen in Behindertenwerkstätten bereits nach 20 Arbeitsjahren in Rente gehen, die Zeit bis dahin erhalten sie aber maximal 2 Euro Stundenlohn, besitzen keinerlei Arbeitnehmerrechte, können keinen Betriebsrat bilden und die Tätigkeiten sind im Allgemeinen reizlos (aber hochfrequent) und manuell.
  2. Nicht den Interessen und Fähigkeiten entsprechende Berufe: Wahlfreiheit bei Berufen oder der Art der Ausbildung ist für Menschen mit Behinderungen eine schöne Illusion. Es gibt eine Handvoll geförderter Ausbildungsplätze, für eine sehr eingeschränkte Auswahl an Berufen. Meist an Berufsbildungswerken, die  Körperbehinderte, aber z.B. auch Autisten ohne Intelligenzminderung, häufig in Richtung „Bürokraft“ drängen. Für diese Berufe sind Konzepte und Fördermaßnahmen vorhanden, alles andere — sprich individuelle, neigungsbasierte Förderung — stört lediglich die Abläufe. Selbst die freie Wahl des Berufsbildungswerks ist mitunter zu viel verlangt. Höher qualifizierte Abschlüsse sind sowieso meist nicht vorgesehen und müssen in Eigeninitiative und ohne jede externe Förderung besorgt und finanziert werden.
    Zugegeben, Nr. 2 zeigt nicht auf, wohin behinderte Fachkräfte verschwinden, wenn nicht in die Arbeitslosenstatistik, aber er erklärt, warum Menschen mit Behinderungen, trotz Neigung oder Talent gar nicht erst zu Fachkräften werden können.
  3. Öffentlicher Dienst: Viele Menschen mit Behinderungen, die von Berufsbildungswerken in wenig anspruchsvolle Bürojobs hinein ausgebildet wurden, landen schließlich im öffentlichen Dienst, wo seit den 50er Jahren mehrere Erlässe für eine bessere Einstellungsquote behinderter Menschen gesorgt haben, als in der Privatwirtschaft. Positiv: die dort Beschäftigten haben einen ziemlich krisensicheren Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aber: wie viele davon auch auf einer Position sitzen, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht und wie gut ihre Aufstiegschancen sind …
  4. Unterqualifizierte Jobs: Und da war noch die Autistin und Diplomchemikerin, die in Teilzeit im Büro eines kleinen Autismusverbands arbeitete, und sie ist mitnichten eine Ausnahme …
    Selbst wenn Menschen mit Behinderungen es schaffen, außerhalb einer Werkstatt Arbeit zu finden, dann doch selten im erlernten Beruf, sondern oft auf einer Position, die man als ‚geschützt‘ oder ’schonend‘ empfindet, selbst wenn sie Fähigkeiten und Neigungen eigentlich widerspricht.
  5. Selbstständige Arbeit: Manche wissen um ihre schlechte Vermittelbarkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt und lassen die Versuche daher gleich ganz sein. Wenn sie das Glück haben, in einem Bereich zu arbeiten, in dem es für ihre Expertise einen Markt gibt, und die Behinderung und (meist) Home Office keine Rolle spielt, ist Selbstständigkeit eine seltene, aber doch mögliche Alternative. Die Nachteile der Behinderung fallen dabei für die Unternehmen nicht so stark ins Gewicht. Die Vorteile einer qualifizierten, angestellten Fachkraft aber eben auch nicht.
    Eine, die diesen Weg gewählt hat, schreibt gerade diesen Text.
  6. Erwerbsunfähigkeit: Auch Menschen mit Behinderungen, die eigentlich gerne arbeiten würden, fallen ziemlich schnell unter die Regeln der Erwerbsunfähigkeit. Die teilweise Erwerbsunfähigkeit tritt schon ein, wenn ein tägliches Arbeitspensum von 6 Stunden nicht zu bewältigen ist. Die vollständige Erwerbsunfähigkeit tritt ein, wenn ein tägliches Arbeitspensum von 3 Stunden nicht geleistet werden kann. Gerade für Menschen, deren Leistungsniveau auf Grund von Schmerzen oder Erschöpfung starkt schwankt, fallen schnell unter diese Regel und werden dann vollständig aus dem Erwerbsleben gedrängt.

3. Andere

  • Europäische Freizügigkeit: Für wen die Arbeitsbedingungen in deutschen Unternehmen nicht gut genug oder zu unflexibel sind, der sieht sich auch im europäischen Ausland um. Pflegefachkräfte aus meiner Bekanntschaft, gingen der besseren Bedingungen wegen nach Dänemark. Junge Mediziner fanden, bis 2016 zumindest, gute Bedingungen im britischen NHS vor.
  • Berufswechsel: Kommt auch bei anderen Arbeitnehmern immer wieder vor, wenn die beruflichen Bedingungen die Lebensumstände oder die Gesundheit deutlich beeinträchtigen. Um erneut ein Beispiel aus der Pflege anzubringen. In der Altenpflege bleibt qualifiziertes Pflegepersonal durchschnittlich 8,4 Jahre im Beruf und in der Kranken­pflege sogar nur 7,5 Jahre. Das nach 3 Jahren (schulischer) Ausbildung, die oft selbst finanziert werden muss, nur selten vergütet wird und sich auch durch die niedrigen Gehälter der staatlich geprüften Pflegepersonen wirtschaftlich schlicht nicht rentiert.
  • Unqualifizierte Beschäftigung: In der Gegend, aus der ich komme, gingen zur Zeit meiner eigenen Ausbildung sehr viele qualifizierte Handwerker lieber in eine Fabrik am Band arbeiten. Dort war zum einen der Grundlohn besser, als in den meisten Handwerksbetrieben der Region und Mitarbeiter in Bauberufen, oder anderen von der Witterung abhängigen Berufen, mussten sich im Winter, wenn sie von den Unternehmen aus Witterungsgründen entlassen wurden, schlicht nicht arbeitslos melden. Wie sehr diese Situation fortbesteht und ob es sich auch heute noch lohnt, eher, wie ein Ungelernter, am Band zu arbeiten, als im Lehrberuf, kann ich nicht abschätzen. Aber Facharbeiter, die damals aus dem Beruf ausgestiegen sind und Jahre oder Jahrzehnte ‚raus‘ waren, dürften heute als Fachkräfte fehlen.

Nach wie vor bin ich der Ansicht, der angebliche Fachkräftemangel ist hausgemacht und setzt sich zusammen aus zu wenig Ausbildung und einem zu starken Fokus auf männliche, nichtbehinderte Arbeitnehmer ohne Migrationshintergrund, ohne familiäre Verpflichtungen und ohne dem Wunsch nach flexiblen Arbeitszeitmodellen.

So lange ich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis entmutigende Berichte höre, bei denen frisch ausgebildete Fachinformatiker oder junge Akademiker in Vorstellungsgesprächen auf Grund ihrer Behinderung mit Vorurteilen konfrontiert und schnell abgelehnt werden, so lange kann der Fachkräftemangel nicht wirklich so extrem sein.

Es ist kein Fachkräftemangel, es ist ein „idealer Arbeitnehmer“-Mangel, ein „billiger Arbeitnehmer“-Mangel und ein „warum modernde Arbeitsmodelle, solange wir mit den Methoden der 50er Jahre durchkommen“-Mangel.

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