Wenn ich Texte wie diesen schreibe, gibt es unausweichlich Kritik. Derartige Texte können nie vollständig sein. Man vergisst wichtige Aspekte oder bewertet solche, die vielleicht gar nicht so wichtig sind, zu hoch. Zum Beispiel wurde mir mehrmals vorgeschlagen, das Kriterium wissenschaftlicher Veröffentlichungen mit aufzunehmen — was ich nicht tun werde. Die Begründung dafür wäre selbst wiederum einen ganzen Artikel wert.

Auch wenn ein solcher Text durch viele Hände ging, die ihn sorgfältig auf Schwachstellen abklopfen, im Bereich der Vermittlung von Informationskompetenz gibt es den perfekten Text nicht. Das Thema ist zu umfassend, zu komplex und jede kommunikative Situation ist einzigartig.

Aber es gibt eine typische Reaktion, die völlig voraussehbar jedesmal kommen und die mich frustrieren.

Es wird nämlich ein Satz, ein Beispiel herausgepickt, unter das Mikroskop gelegt und gesagt: “Also das könnte jetzt aber auch ein Nichtexperte sagen. Wie soll ich das nur unterscheiden!”

Ich weiß nicht, ob diese Reaktion aus purem Reflex kommt, irgendwas Negatives finden zu müssen, ob es eine Abwehrhaltung ist, um sich nicht mit der mühsamen Aufgabe des kritischen Denkens tatsächlich in der Realität auseinandersetzen zu müssen oder ob tatsächlich missverstanden wurde, was ein solcher Text leisten kann und bieten soll. Für die dritte Kategorie ist dieser Artikel.


Informationskompetenz braucht Training

Dieses Training beginnt, sobald unsere Synapsen genug Verknüpfungen gebildet haben um Informationen behalten zu können und endet mit unserem Tod.

Wir nehmen ständig Informationen auf. Aus der Umgebung, von unseren Mitmenschen. Im Gespräch. In der Körperhaltung des Nachbarn im Bus. Aus den Medien. Aus der Farbe einer Beere. Informationen und das Wissen wie wir mit diesen Informationen umgehen sollen, macht uns als Menschen überhaupt erst in dieser Welt funktionsfähig.

Das bedeutet nicht, dass wir jede Form von Information ohne gezieltes Lernen und Training verstehen und interpretieren können.

Ebenso wie wir den Umgang mit physischen Werkzeugen lernen müssen. Wir lernen als Kinder unsere Hände zu benutzen. Irgendwann bringt uns jemand bei einen Schraubendreher zu benutzen oder einen Nagel einzuschlagen. Wenn wir vor ein paar hundert Jahren lebten und wollten ein Bild an die Wand hängen, brachte man uns bei mit einem Meissel ein Loch in die Wand zu schlagen, ein Stück Holz einzumörteln und in dieses Holz einen Nagel zu schlagen oder eine Schraube zu drehen.

Wenn wir heute ein Bild aufhängen, bekommen wir beigebracht dass es eine Bohrmaschine gibt, mit der der Prozess schneller geht, sauberer ist und effektiver.

Wenn wir nun hingehen, alles andere über Arbeit mit den Händen, über Steine und deren Festigkeit, über Kraft und Richtung von Kräften vergessen, dann legen wir die Bohrmaschine hin, schalten sie an und sagen: “Aber die tut ja gar nichts.”

Dieser Text ist eine Bohrmaschine. Wer ihn liest und alles andere über Informationen vergisst und nur diesen Text oder gar nur einen Teil daraus isoliert anwenden will, der wird damit nicht weit kommen.

Wie eine Bohrmaschine kommt dieser Text mit verschiedenen Teilen, die von denen nicht jedes auf die jeweilige Situation passt.

Und wie bei der Bohrmaschine müssen wir lernen, nicht den Holzbohrer für die Betonwand zu nutzen. Sondern wir müssen diesen Text und ähnliche als Erweiterung unseres mentalen Werkzeugschranks verstehen, bei dem wir LERNEN müssen, das richtige Werkzeug für die Aufgabe vor uns zu wählen. Und nur weil wir jetzt eine Bohrmaschine, aka diesen Text, haben, dürfen wir nicht vergessen, wir man einen Schraubenzieher hält, aka alle anderen Lektionen über grundlegende Informationsbewertung.

Informationskompetenz braucht Kontext

Ein Beispiel, und der Aufhänger für diesen Artikel, war ein Kommentator auf LinkedIn, der meinte, dass mein “Vulkan”-Beispiel aber auch in diesen sachlichen Worten von einem Menschen ausgesprochen werden könnte, der gar kein Experte ist.

Natürlich.

Der Text ist nicht und war nie als Checkliste zum Abhaken gedacht, an der am Ende das perfekt zuverlässige Ergebnis steht und man dann glasklar weiß, welche der Personen der Experte ist und welcher ein Scheinexperte ist.

Mein Text ist eine Liste von Anhaltspunkten und wie ein anderer Kritiker ganz richtig anmerkte, gehe ich vor allem auf Meta-Kriterien ein und lasse harte Kriterien wie Abschlüsse, Titel, die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen, den H-Index etc. ganz außen vor.

Das auch und vor allem, weil ich mich in diesem Text vor allem auf Experten konzentriere, die uns medial vermittelt werden und härtere Kriterien zur Unterscheidung zwischen guten Medienexperten und schlechten Medienexperten bereits in meiner “Inneren Checkliste” aufgeführt habe. (Auszug, siehe unten.)

Entsprechen muss der Kontext in dem man versucht einen Experten von einem Scheinexperten zu unterscheiden, mit in die Informationsbewertung mit einzubeziehen.

Das bedeutet, wenn ich einen Nichtexperten habe, der etwas vernünftig Klingendes zu einem Vulkanausbruch sagt, macht ihn das in keinem Teil dieses Universums automatisch zum Experten.

An dieser Stelle ist der sonstige Werkzeugkasten der Informationskompetenz gefragt. Also statt meinen Text als große, definitive Lösung des Problems der Informationsbewertung zu betrachten und enttäuscht zu sein, wenn er das nicht liefern kann, sollte man tun, was in diesem Fall nötig ist: Erst mal nachsehen, was der Herr, der da redet, tatsächlich mitbringt. Ist er ein Vulkanologe? Ein Geologe mit anderem Spezialgebiet? Ein Vulkanologe im Ruhestand? Ein Geologe mit anderem Spezialgebiet im Ruhestand? Oder ein Landvermesser, der glaubt er kennt sich garantiert besser aus, als die Großkopferten an ihren Universitäten?

Wer meinen Text nutzt, ohne den Kontext zu bedenken und zu überprüfen, in dem eine Aussage gemacht wird, wird scheitern.

Es gibt keinen Quickfix. Repeat: es gibt keinen Quickfix

Es ist ein unmögliches Ziel in einem Text alle Aspekte unterzubringen, wie man Experten von Scheinexperten unterscheidet. In einem Buch, vielleicht. Aber auch dann verändert sich unsere Welt, wird wahrscheinlich weiterhin eher komplexer als Komplexität zu reduzieren.

Entsprechend müssen sich auch in Zukunft unsere Werkzeugkästen mit Information und Desinformation umzugehen anpassen, entwickeln und erweitern.

Wer daher glaubt, es reicht einen solchen Text zu lesen und die darin enthaltenen Tipps und Anhaltspunkte einfach nur wie eine Checkliste abhaken zu müssen, der tut sich selbst keinen Gefallen.

Informationen zu bewerten ist hart. Einfach zu glauben, dass Menschen um uns herum redlich und gut sind und uns daher nicht belügen, zeugt von einem erfreulichen Menschenbild … bringt aber sehr oft große Enttäuschungen.

Denen zu glauben, die uns erzählen, was wir gerne hören wollen — also Informationen auf Basis unseres Confirmation Bias zu bewerten — macht uns anfällig für Manipulationen. Denen zu glauben, die wir für kompetent halten, weil sie schön sind, mächtig oder erfolgreich — also uns am Halo-Effekt zu orientieren — gibt jenen, die ohnehin schon schön, mächtig oder erfolgreich sind mehr Macht über uns, als für uns (und sie) gut ist.

Von daher brauchen wir bessere und mehr Werkzeuge zur Informationsbewertung und mein Artikel war genau das: eine Erweiterung unseres Werkzeugkastens. Nicht dessen Ablösung.

Und den Werkzeugkasten im Haus zu haben, heißt noch lange nicht ihn, ohne Übung, unfallfrei anwenden zu können.

Es gibt keinen Quickfix.

Checkliste zur Bewertung der Qualifikation von Experten

Auszug aus: Informationen bewerten – die innere Checkliste, das Material zum Talk

  • Experten
    • Aufwertend
      • Experten aus dem zum Thema gehörenden Fachbereich
        • Virale Epidemie: Virologen, Epidemiologen,
        • Impfungen: Vakzinologen, Immunologen
        • Psychische Auswirkung einer Epidemie: Psychologen, Therapeuten
        • Klimawandel: Klimaforscher
      • Experten, die in Praxis oder Forschung aktiv sind
        • d.h. mit Überblick, über aktuelle Entwicklungen
      • Experten in eigener Sache
        • z.B. Menschen mit Behinderungen
      • Keine (oder geringe) Interessenkonflikte
        • z.B. lebt von der Anstellung als Wissenschaftler
    • Abwertend
      • Experten aus angrenzenden Fachbereichen
        • Virale Epidemie: Immunologen (außér es geht z.B. um Auswirkungen von Impfungen oder eben genau um die Reaktionen des Immunsystems), Toxikologen,
        • Psychische Auswirkung einer Epidemie: Philosophen
        • Klimawandel: Geologen
      • Experten im Ruhestand
        • oft mit veraltetem Wissensstand
      • Experten in fremder Sache
        • z.B. Eltern, Geschwister, Pflegende behinderter Menschen.
      • Starke Interessenkonflikte
        • besitzt ein Unternehmen, dass aus der Situation in Frage Gewinne schöpft.

Mein Talk über Grundlagen der Informationskompetenz

Das Material zum Talk


Weitere Beiträge zur Informationskompetenz findet ihr in der gleichnamigen Kategorie.
Außerdem findet ihr auf Notion eine Sammlung an Lesestoff, Tipps und Tools, wie ihr euch gegen Desinformation wehren könnt.

In meiner Notion-Sammlung steht nicht nur eine Fülle an Lesestoff bereit, sondern auch praktische Ratschläge und Tools, die als Hilfestellung dienen, um sich effektiv gegen die Verbreitung von Desinformation zu verteidigen. Diese Ressourcen sollen dazu ermutigen, eine umfassende Sichtweise auf Informationsquellen zu entwickeln und die eigenen Recherchepraktiken zu verfeinern.

Zudem findet ihr dort meine große Sammlung Rechercheressourcen.

Für Workshops und Vorträge zum Thema Informationskompetenz könnt ihr mich auch buchen. Sendet dazu eine Mail an die E-Mail-Adresse im Impressum oder über das Kontaktformular auf mela.eckenfels.net.

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