Seit sich Covid-19 auch in den Westen ausgebreitet und hier Maßnahmen wie Lockdowns oder Kontaktverbote ausgelöst hat, höre ich aus unterschiedlichen Ecken wie furchtbar und unerträglich die Situation doch wäre. Je nach Gegenüber wird diese Haltung mal zurückhaltender, mal schriller vorgebracht.

Zugegeben, in der gegenwärtigen Situation bin ich doppelt und dreifach privilegiert. Weder bringt sie uns (bereits jetzt) an existenzielle Grenzen, noch hat sich für mich persönlich besonders viel geändert. Der Gatte ist nun im Heimbüro – heißt, ich muss mein Büro nun teilen – und ich kann nicht mehr in die Bibliothek ausweichen, sollte mir zu Hause mal die Decke auf den Kopf fallen.

Auch bin ich mir vollkommen bewusst, wie hart diese Zeit für den Teil der Menschheit ist, der den täglichen Umgang mit Menschen braucht wie Wasser und Nahrung.

Wie sich das bei vielen Menschen auf Körper und Psyche auswirkt, zeigt unter anderem dieser Thread auf Twitter sehr gut:

Dennoch bin ich der Ansicht, dass auf der einen Seite auf sehr hohem Niveau gejammert wird und man auf der anderen Seite eine beinahe kindliche Weigerung sieht, zu akzeptieren, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Dass uns diese Pandemie noch eine ganze Weile begleiten wird und das je länger und je heftiger, je ignoranter und realitätsverweigernder wir heute mit ihr umgehen.

Es ist, denke ich, zwischendurch ganz gut, zu reflektieren, wie gut es uns in dieser globalen Katastrophe immer noch geht.

Ja, wir müssen uns einschränken. Wir müssen auf direkte zwischenmenschliche Kontakte verzichten, auf Feiern, Familien- und Lebensereignisse, auf die persönliche Bewegungsfreiheit, selbst auf einen persönlichen Abschied von einem Verstorbenen. Viele verlieren ihre Jobs oder haben sie schon verloren oder können ihre Miete nicht zahlen. Das ist hart. Daran diskutiere ich nicht herum.

Und dennoch: wir sind im Westen mehrheitlich privilegiert. Für die Mehrheit ist die erste Stufe der Maslowschen Pyramide der Bedürfnisse weiterhin gegeben.

Maslow's Pyramide der Bedürfnisse. Von Physischen Bedürfnissen (unten, Grundbedingung) bis zu Selbstverwirklichung (oben, nice to have)

By Chiquo – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77918631

 

Es fehlt der überwiegenden Mehrheit weder an Obdach, noch Nahrung, noch Kleidung, noch sauberem Wasser oder Elektrizität. Erst wenn wir zu Sicherheit kommen, eben auch der Sicherheit vor Krankheit, beginnt sich das Bild zu verändert. Die Zukunft ist ungewiss. Die persönliche Zukunft ebenso, wie die wirtschaftliche oder gesellschaftliche.

Das die erste Bedürfnisstufe aber weiterhin gegeben ist, macht Ressourcen frei. Im Moment scheinen mir diese freien Ressourcen oft – zu oft – in aktives Leiden an den Einschränkungen zu fließen.

Was spräche dagegen, sich das, was wir haben, mal einen Moment ins Bewusstsein zu rufen?

Das (hoffentlich dichte) Dach über dem Kopf. Die ununterbrochene Versorgung mit Lebensmitteln, sowohl frischen als auch haltbaren. Die Tasse heißen Kaffee. Klare Luft und trockene Füße. Fließend Wasser und fließend Internet.

Auch gibt es, für all jene, deren freie Ressourcen nicht durch Kinder, sprich Homeschooling und Bespassing gebunden sind, eine ganze Menge zu tun, was weder mit diesem Draußen noch, mit Reisen noch mit physischen Kontakten mit anderen Menschen zu tun hat.

1. Bewusst trauern

Viele Menschen dürften sich nicht bewusst sein, dass das, was sie derzeit empfinden, Trauer ist.

Wir verlieren Sicherheit, das Gefühl die Kontrolle zu haben und eine Perspektive, wie unsere Zukunft aussehen wird. All das ist ein Verlust, ein Schlag der Trauer auslöst. Bewusst zu trauern kann helfen, die Phase der Leugnung schneller hinter sich zu lassen und konstruktiv mit der Situation umzugehen, wie sie nun einmal ist.

2. Neues lernen

Die griechische Staatsschuldenkrise fiel in die Zeit meines Fernstudiums von 2010-2017. Hatten wir in unserer „Kontinentaleuropa“-Tutorengruppe bereits vorher immer mal griechische Teilnehmer gehabt, stieg deren Zahl nun sprunghaft an.

Das hatte mich im ersten Moment verwundert, denn die Studiengebühren der EU-Auslands-Studenten wurden nun mal nicht staatlich subventioniert, wie die Gebühren der UK-Studenten, aber im Endeffekt war es doch folgerichtig. Dann etwas Geld in die Hand zu nehmen, wenn die Lage schwierig ist und man ohnehin nur die Wände anstarren würde, um mit neuen Fähigkeiten anschließend bessere Chancen zu haben.

Was immer die aktuelle Krise bringt: mehr Bildung wird hinterher nicht schaden.

Da bieten sich zuerst mal die ‚großen‘ MOOC-Anbieter an, wie:

Bei Coursera findet man einige Kurse, die auch und gerade in der aktuellen Zeit sehr hilfreich sein können, wie:

oder

für alle, die unfallfrei(er) Statistiken lesen lernen wollen.

Außerdem gibt es eine ganze Serien Kurse, die sich direkt mit wissenschaftlichen Aspekten rund um Covid-19 beschäftigen. Denn mehr über das konkrete Problem zu wissen, kann auch Ängste nehmen.

3. Politisch und gesellschaftlich aktiv werden

Meiner Ansicht nach, bewegen sich die Aktionen der deutschen Politik mehrheitlich im Bereich von „sinnvoll und verhältnismässig“. Hier kann man natürlich geteilter Ansicht sein, aber wenn man den Vergleich mit anderen europäischen Ländern oder gar Nationen wie den USA zieht, sieht es bei uns doch überwiegend gut aus.

Das es dennoch Probleme gibt, die nicht angepackt werden, solange der Druck nicht hoch genug ist, liegt in der Sache von Politik.

So werden derzeit vor allem Solo-Selbstständige oder Künstler und dort vor allem Solo-Selbstständige Künstler von der Politik vergessen und alleine gelassen.

Wenn derzeit leider viele Menschen gerade nicht solidarisch denken, sondern eher eugenisches Denken eine Renaissance erlebt, täte ein Gegenpol sehr gut.

Warum also nicht mal etwas nach vorne gerichtet denken, und sich beispielsweise für ein allgemeines Grundeinkommen einsetzen?

4. Hilfe besorgen

Wer anhaltend unter der Situation leidet oder das mit dem bewussten Trauern nicht so recht hinbekommt, kann – und sollte – sich Hilfe suchen.

Es war schon immer in Ordnung, Hilfe zu brauchen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber vielleicht fällt in der aktuellen Situation das eine oder andere Stigma der Realität zum Opfer und das wäre im Endeffekt auch für die Zeit danach ganz hilfreich.

Eine Liste mit Psychologen, die ihre Dienste auch online anbieten, findet sich zum Beispiel beim Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen: Anbieterinnen und Anbieter von psychologischer Beratung im Internet.

 

5. Pläne für danach machen

Warum sollte man die Situation nicht auch nutzen, um mal ganz mutige Pläne für die Zeit danach zu machen? Gibt es ein Lebensziel, das man bisher nur immer als zu schräg oder zu unrealistisch abgetan hat? Vielleicht ist die Krise auch eine Chance. Wenn alles durcheinander gerüttelt wird und nichts so bleibt wie es war, kann man auch die ungewöhnlicheren Pläne nochmal aus der Schublade holen, den Staub abwischen und sie sich ansehen.

Denn, niemand weiß, was jetzt wirklich kommt. Aber wer flexibel bleibt und nicht zu sehr am Alten hängt, wird später besser mit den Veränderungen klar kommen.

Kommentar verfassen