Info Dieser Beitrag entstand zuerst als Antwort auf der Frage-und-Antwort-Plattform Quora. Er wurde mit allen Fehlern und Tippfehlern ins Blog übernommen.

„Wie wurde der COVID-19-Impfstoff so schnell entwickelt, aber das Heilmittel gegen AIDS, Krebs und andere Krankheiten wurde noch nicht einmal entwickelt?“

Wir hatten Glück. Das KnowHow. Und Geld.

  1. Das Virus SARS-CoV-2 ist nicht ein solch problematisches Virus wie HIV, das sich direkt ins Genom des Infizierten einbaut. Es mutiert auch nicht annähernd so oft oder so schnell wie HIV. HIV ist der Endgegner der Impfstoffforschung. Ernsthaft.
  2. Statt einer ständig mutierenden Oberfläche, wie HIV, hat SARS-CoV-2 ein schön definiertes Protein, mit dem es in Zellen eindringt. Das Spike Protein. Die Impfstoffforscher konnten also schlicht einen Impfstoff entwickeln, der den Körper in die Lage versetzt, das Spike-Protein zu erkennen und unschädlich zu machen. Das ist eine eher geradelinige Aufgabe.
  3. In England entwickelte die Universität Oxford an einer Impfstoff-Plattform, die man schnell modifizieren konnte. So dass, wenn ein neues Pathogen auftaucht, man quasi nur den Teil des Impfstoffs austaschen muss, der die Bildung spezifischer Antikörper anregt. Alles andere bleibt aber immer gleich. Ein Plug-and-Play-Impfstoff, quasi, im Baukastensystem. Die Plattform war gedacht um Impfstoffe gegen Ebola zu entwickeln, gegen MERS und gegen einige andere tropische Krankheiten, die für Pharmafirmen nicht von großem Interesse sind.
  4. In Deutschland und in anderen Ländern entwickelte man an der mRNA-Technologie, um diese vor allem in der Krebsbekämpfung einsetzen zu können, und damit Informationen in den Körper des Patienten schleusen zu können, der dessen eigene Zellen in die Lage versetzt, den Krebs zu bekämpfen. Auch hier reden wir quasi von einer Art Baukastensystem.
  5. Es gab eine weltweite Kooperation, zwischen den unterschiedlichen Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die an Impfstoffen arbeiteten. Man tauschte beständig KnowHow aus und sah sich nicht als Konkurrenz.
  6. So ziemlich alle Beteiligten sind große Risiken eingegangen. Projekte wurden fallengelassen oder unterbrochen – wie zum Beispiel die Arbeit an einem Impfstoff gegen Ebola – alles auf den Verdacht hin, dass man es eventuell, vielleicht schafft einen Impfstoff zu entwickeln, der Menschenleben rettet. Das geschah zu einem Großteil, bereits bevor die WHO die Epidemie zu einer Pandemie erklärte. Warum? Weil es sich um Spezialisten, Fachleute handelte, die absehen konnten, dass dieses neue respiratorische Virus alle Eigenschaften hat, sich zu einem echten Problem zu entwickeln.
  7. Geld: Organisationen wie CEPI sind das Risiko eingegangen, wirklich einen großen Teil der zur Verfügung stehenden Gelder alleine auf die Entwicklung dieser Impfstoffe zu werfen. Man muss bedenken, dass diese Entscheidung auch bedeutet hat, dass erst mal für die Entwicklung aller anderen Impfstoffe, kein oder viel weniger Geld zur Verfügung stand. Auch Staaten wie Deutschland oder die USA pumpten Millionensummen in die Erforschung der Covid-19-Impfstoffe.
  8. Auch Pharmaunternehmen gingen große Risiken ein. Pharmafirmen waren in vielen Fällen, wie z.B. bei AstraZeneca oder Comyrnati nicht die entwickelnden Unternehmen. Sie haben aber die Produktionsseite bereit gestellt. Und das bedeutete auch bevor überhaupt klar war, ob die Impfstoffe die Studienphasen positiv abschließen werden, Produktionsanlagen zu schaffen, teils ganze Fabriken neu zu bauen. Es bedeutete auch, bereits Impfstoff vor der Zulassung vorzuproduzieren, so dass im Falle der Zulassung direkt Impfstoff bereit steht und geliefert werden kann. Diese Investition wäre verbranntes Geld gewesen, wären die Impfstoffprototypen in den Studien gescheitert. Auch der vorproduzierte Impfstoff hätte vernichtet werden müssen.
    Jenen, die hier den Beleg für die große Verschwörung wittern, dass man bei so viel Vorleistung ja Gründe haben müsse, die Pandemie künstlich aufzubauschen, sei gesagt: Nicht alle Impfstoffe haben es bis zur Zulassung geschafft. Einige Firmen müssen nun große Verluste wegatmen.
  9. Kooperation der Behörden: Prozesse, die sonst Jahre dauern, wie Gelder zu beantragen oder die Zulassung, wurden priorisiert und beschleunigt. D.h. Anträge blieben nicht auf dem Schreibtisch des Mitarbeiters liegen, der gerade im Urlaub war, sondern wurden zeitnahe bearbeitet. Man ließ auch Studienphasen überlappen. D.h. während eine Phase noch ausgewertet wurde, startete bereits die nächste Phase.
  10. Es gab viele Freiwillige. Kein Unternehmen hatte ein Problem damit, Studienteilnehmer zu finden. Im Gegenteil, es gab sogar einen deutlichen Andrang. Somit konnten die Studien mit weit mehr Probanden durchgeführt werden, als für die meisten Impfstoffstudien bisher.
  11. Es gab viele Möglichkeiten, sich zu infizieren. Das mag komisch klingen, ist aber tatsächlich ein wichtiger Faktor dabei, einen Impfstoff schnell zu entwickeln und zuzulassen. Denn um genug Daten für die Zulassungsstudien zu haben, müssen viele der Probanden die theoretische Möglichkeit haben, mit dem Virus in Kontakt zu kommen — Probanden bewusst und gezielt dem Virus auszusetzen, wäre unethisch.
    Deswegen müssen die Teilnehmer in ihrem normalen Leben die Chance haben, dem Virus zu begegnen. Nur so kann man erkennen, ob sich in der Impfstoffgruppe statistisch signifikant weniger Menschen mit dem VIrus infiziert haben, als in der Placebo-Gruppe. Diese Umstände haben Länder wie England, die USA und einige Länder in Südamerika durch mangelhafte politische Intervention unfreiwillig geschaffen. Was schlecht für die dort lebenden Menschen war, war gut für die Geschwindigkeit, mit der Impfstoffe entwickelt werden können.
    Genau das ist der Punkt, der normalerweise Jahre Zeit bei der Impfstoffentwicklung raubt. Zum Beispiel sind Masern in fast der ganzen Welt sehr weit zurück gedrängt. Damit sich die Teilnehmer einer Impfstoffstudie also theoretisch mit dem Masernvirus infiziert haben könnten, müssen sie irgendwann mal einen Infizierten getroffen haben. Somit muss man oft Jahre warten, bis das statistisch gesehen eingetreten sein könnte.
    Bei SARS-CoV-2 reichte es in den Wellen im Frühjahr und Herbst 2020 bereits in einer mittelgroßen Stadt einkaufen zu gehen.
    Bei den Impfstoffen, die wir von Winter 2020 an hatten, hatten die Entwickler es geschafft, rechtzeitig weit genug zu sein, um die Wellen „mitnehmen“ zu können. Forschungsunternehmen, die nicht ganz so schnell waren, hatten dann wieder Probleme genug Daten zu erhalten. So passierte es zu Beispiel dem Unternehmen Curevac. Nur ein bisschen zu spät und schon tief in der Grütze.

tl;dr

tl;dr: Es sind wirklich viele hilfreiche Umstände zusammengefallen, um die schnelle Entwicklung der Impfstoffe möglich zu machen. Vor allem, dass die Basistechnologien gerade den Grad der Entwicklung erreicht hatten, ab dem man sie mit etwas sehr viel mehr Geld über die Ziellinie schieben konnte.

Warum gibt es noch kein Heilmittel gegen AIDS?

Das HIV-Virus baut sich ins Genom der Infizierten ein. Die beste Chance, die wir haben, es dort wieder rauszubekommen, ist: sich nicht zu infizieren.
Es gibt aber gute Medikamente, die den Ausbruch der Erkrankung AIDS lebenslang verhindern können. Man muss sie nur auch lebenslang einnehmen.

Und zuletzt: Warum wurde noch kein Mittel gegen Krebs entwickelt?

Weil „Krebs“ ein Oberbegriff für eine sehr weite Kategorie von Krankheiten ist, die gemeinsam haben, dass Zellen in unserem Körper beginnen Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten.

Es ist unmöglich EIN Mittel gegen alle Krebsarten zu finden. Weil sich deren Ursachen und die betroffenen Zellen zu sehr voneinander entscheiden. Die Erwartungshaltung, dass man jetzt aber endlich mal was „gegen Krebs“ finden müsste, ist eher … unterkomplex.

Es gibt aber durchaus schon Mittel gegen einige Krebsarten, denn Vorbeugung ist auch bei Krebs weit besser, als die Krankheit zu behandeln, sobald sie ausgebrochen ist.

Ganz vorne weg: Die HPV-Impfung.

Die Fortschritte, die wir nun in der mRNA-Technologie gemacht haben — dank reichlich fließenden Geldern — werden sehr wahrscheinlich einen Quantensprung bei der Behandlung von Krebs bedeuten.

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