In Diskussionen über den Umgang mit der Pandemie sieht man immer mal wieder Behauptungen auftauchen wie, „in Afrika“ wäre man viele Tode gewohnt. Oder man solle sich doch „an Afrika“ ein Beispiel nehmen und einfach „mit dem Virus leben“.

Ich sehe hier nicht wenige Parallelen zu sowohl Kolonialpropaganda aus Zeiten des „Scramble for Africa„, als auch zu anderen schädlichen Narrativen.

Ein paar lose Gedanken möchte ich dazu festhalten:

  • Das sind so viele Menschen dort, ein paar weniger schaden eh nicht. Überbevölkerung macht ja immer nur in anderen Teilen der Welt ein Problem und nie im Westen, obwohl wir im Westen einen deutlich höheren Ressourcenverbrauch haben. Sowohl pro Kopf, als auch – soweit ich mich recht entsinne – insgesamt. Damit wird ein Problem, die Verantwortlichkeit, die wir durch unseren Lebensstil haben abgeschoben und negiert. Statt dessen wird das Problem auf die gesichtslose Masse, vor allem eben „Afrika“, projiziert.
  • In Afrika“ sind Menschenleben nicht so wichtig. Auch das ist natürlich ein Folge-Narrativ, des „dort gibt es so viele Menschen“ Narratives. Das aber auch ein Kollektivismus-Narrativ ist und sich relativ gut aus Kolonialpropaganda herleiten lässt. Das gängige Bild von „Clans“ bzw. clanartigen Strukturen sind eine Folge der Kolonisation des Kontinents und nicht die quasi ’naturgegebene‘ gesellschaftliche Struktur. 
  • Kollektivismus (=schlecht, rückständig) vs. Individualismus (=gut, aufgeklärt). Damit wird auch der vorgebliche Unterschied zum Westen aufgezeichnet, in dem ja angeblich das Individuum zählen soll, während ‚Afrikaner‘ ameisenartig im Kollektiv aufgehen. 
    • Ich muss dabei an das Trope derHorde Fictiondenken, also Zombie-Horden, Ork-Horden, generell Wesen, die als nicht oder kaum empfindungsfähig dargestellt werden und im Prinzip einen anspruchsvollen Gegner darstellen, die aber auch, ohne Kratzer am eigenen, moralischen Kompaß fürchten zu müssen, niedergemetzelt werden dürfen.
    • Das aber möglicherweise kollektivistischere Gesellschaften viel eher darauf achten, dass es allen Teilen des Kollektivs gut geht, weil es nur so stark ist, wie seine Teile, wird dabei ignoriert. 
  • In Afrika“ sterben Menschen ständig an Krankheiten. 
    Auch hier wird das Narrativ von primitiven Menschen in einem primitiven Leben entworfen, die alleine deswegen, um mit dem allgegenwärtigen Tod umgehen zu können, abgestumpft sein müssen. Damit wird aber eben auch angedeutet, dass sie weniger emphatisch, weniger empfindungsfähig, schlicht weniger menschlich wären, als wir im Westen. 
    • Es wird auch eine Passivität angedeutet, eine hilflose Ergebenheit gegenüber Krankheiten, die ich persönlich für eine Folge der unterschiedlichen Spendeninitiativen halte, die den Kontinent a) als Einheit zeichnen und b) als hilfsbedürftig. 
      Als würde in Afrika einfach so gestorben werden, solange nicht eine knorke westliche Hilfsorganisation vorbeikommt und was gegen das Sterben tut. Die Bewohner eines ganzen Kontinents werden als passiv, ignorant und schicksalsergeben dargestellt. 
    • Dass afrikanische Staaten die Pandemie teilweise besser zu managen scheinen als der Westen, wird dabei auch mal geflissentlich übersehen.
  • Wir haben es, zu einem nicht geringen Teil, mit spiegeln zu tun. Man kann nicht anders sagen, als dass gerade in unserer individualistischen Gesellschaft, sehr viele Menschen ‚die Anderen‘ nur als Teil einer gesichtslose Masse sehen, die, wenn sie am Virus sterben, schon was falsch gemacht haben werden. In dem sie zu alt, zu dick, zu vorerkrankt waren. Dass also gerade die individualistische, westliche Gesellschaft einen Scheiß auf das Individuum gibt, solange es nicht um einen selbst geht. Das auch und gerade in einer individualistischen Gesellschaft nicht jeder wichtig ist, sondern nur einige. Besonders individuelle Individuen, quasi.  
    • Während wir Afrika als krisengebeutelten Kontinent sehen, voller durch ständige Krisen abgestumpften Menschen, stehen westliche Menschen, abgestumpft durch die jahrzehntelange Abwesenheit von Krisen, im Pulk vor Skilifts  und ignorieren die eindringlichen Bitten von Intensivmedizinern und Pflegepersonal. 
    • Der Verlust des eigenen Lebensstandards, der Verzicht auf Spaß, überhaupt nur mal für eine Weile die eigenen Routinen ändern zu müssen, wird von sehr vielen Menschen als ein zu hoher Einschnitt empfunden und über das Überleben der Mitmenschen und schlicht über das gesunde Kollektiv gestellt. 

Titelbild: British Library digitised image from page 65 of „The Heroes of African Discovery & Adventure“

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