Vergangenen Frühjahr hörte man öfter das Narrativ „ja, wenn ihr ANGST vor dem Virus habt!“, gegenüber Menschen, die Maßnahmen – egal welche – befürworteten. Ausgesprochen wurde es von Menschen, die Maßnahmen – egal welche – ablehnten und im Prinzip nur damit zufrieden gewesen wären, dem Virus seinen Lauf zu lassen und ’normal‘ weiterzuleben.

Man hörte es sogar von Menschen, die es der Ausbildung nach eigentlich besser wissen müssten. Auch wenn es mich bei den Personen im engeren und weiteren Umfeld, die derartige Gedanken aussprachen, dann wenig erstaunt hat. Es hatte maximal vorhergehende Beobachtungen bestätigt, dass die Betreffenden ein eher angespanntes Verhältnis sowohl zur Realität als auch dem Umgang mit Evidenz haben.

Als Framing war es jedenfalls, von Beginn an enorm geschickt, um nicht zu sagen: perfide.

Immerhin unterstellte es jenen, die sich der Situation – also einer Pandemie – angemessen verhielten, irrationales Verhalten, um im gleichen Aufwasch die eigene Haltung zu einer rationalen zu stilisieren.

Dabei hatten die Menschen, die dieses ‚Argument‘ benutzten, gleich auf mehr als eine Weise die Hosen runtergelassen. Sowohl intellektuell als auch moralisch.

Denn was sie damit tatsächlich sagten, war:

1. Ich verstehe nicht, was „neues Virus“ bedeutet …

… oder wieso Virologen, gerade Virologen, die sich gut mit respiratorischen Viren auskennen, nervös werden, sobald die Rede von einem bislang unbekannten Virus ist. Erst recht wenn, gehäuft Lungenerkrankungen unerkannter Ursache auftreten.

Immerhin wissen wir nun auch 12 Monate nach den ersten Berichten über SARS-CoV-2 immer noch nicht alles, was es über das Virus zu wissen gibt. Aber es hat sich als die Wundertüte entpuppt, die unsere letzten pandemischen Viren z. B. H1N1, nicht oder nicht in dem Maße waren.

Wer von ‚leichter Grippe‘ redete, trotz der Berichte aus Wuhan, zeigte vor allem, dass er nicht wirklich wusste, wovon er redet. Alternativ: dass er bewusst desinformiert.

2. Ich habe ein toxisches (oder sehr schlichtes) Verständnis von Stärke

Ein Aspekt, den ich mit am frustrierendsten empfand.

Weil er nicht nur im Zusammenhang mit der Pandemie ein toxisches Klima schafft, in dem es belohnt wird, falsche Stärke zu zeigen und mit gesellschaftlichem Hohn beantwortet wird, sich einer Situation angemessen zu verhalten.

Angst, ist ein Gefühl, das uns sagt ‚hier wird es gefährlich, tu das nicht oder mache es anders‘. Wer in gefährlichen, unbekannten oder problematischen Situationen keine Angst empfindet, dem fehlt entweder Wissen oder Vorstellungskraft. Oder er ist ein Psychopath.

Wirklich mutige Menschen haben nicht einen Mangel an Angst. Im Gegenteil. Sie empfinden Angst oft sogar sehr intensiv. Und handeln dann trotz ihrer Angst.

Wer also Angst in sich selbst als etwas Negatives darstellt, der möchte verhindern, dass Menschen sich Wissen über eine Situation aneignen, um sie zu verstehen oder möchte generell verhindern, dass Menschen sich der Situation angepasst verhalten. Das aus der gleichen Ecke auch eine lebendige Vorstellungskraft als Schwäche dargestellt wird (abgesehen davon, sich möglichst unwahrscheinliche, aber graphisch-gewaltätige Gefährdungen durch ‚Fremde‘ vorzustellen), verwundert wenig.

Es ist auch wenig verwunderlich, dass diese Lesart von ‚Stärke‘ im Zeitalter des Trumpismus wieder an Bedeutung gewonnen hat. Immerhin muss man nicht wirklich Mut zeigen (dazu müsste man Angst empfinden, bzw. sich eingestehen Angst zu empfinden), wenn man sich selbst entweder soweit abstumpft, nichts mehr zu empfinden oder eine mögliche, angstinduzierende Ursache, einfach ins Reich der Legenden verweist.

Dadurch haben sich aber eben genau die „ihr habt doch nur Angst vor dem Virus“-Sager selbst als Schisser geoutet. Wer nicht stark genug ist, sich der eigenen Angst und der Ungewissheit zu stellen, der muss immer wieder laut sagen, dass die Gefahr eigentlich gar nicht wirklich da ist.

3. Ich verstehe den Unterschied zwischen Angst und Solidarität nicht

Gerade das Abstand-halten und das Tragen einer Maske wurde von vielen als sichtbares Zeichen der ‚Angst‘ der Mitmenschen gewertet. Dabei sind gerade Alltagsmasken gar nicht zum Eigenschutz geeignet. Wer eine Maske trug, sagte damit also nicht aus ‚ich habe Angst‘, sondern ‚ich könnte angesteckt sein und möchte DICH aber nicht anstecken‘.

4. Ich glaube an den deutschen Exzeptionalismus

Auch eine Form von Selbstbetrug, die man vor allem zu Beginn der Pandemie sehr häufig sah.

In Wuhan seien die Menschen nur gestorben, weil das chinesische Gesundheitssystem so schlecht sei und die Luftqualität so schlecht. Drittweltland eben.

Spoiler: Wuhan ist eine der modernsten Städte Chinas. Das ist nicht das chinesische Hinterland und es ist auch kein Drittweltland. Der Standard der medizinischen Versorgung ist hoch.

Auch in Italien seien so viele Menschen gestorben, weil die Luftqualität so schlecht war und das Gesundheitssystem im Italien so schlecht.

Man sollte meinen, dass man dann bei europäischen Ländern langsam …, aber nein, auch hier saß das Narrativ sattelfest, es länge ja nur an der schlechten Gesundheitsversorgung und der furchtbar schlechten Luft.

Spoiler: Es handelt sich dabei um eine der wohlhabendsten Gegenden Italiens und der Standard der Gesundheitsversorgung ist hoch.

Auch in New York seien nur so viele Menschen gestorben, weil in den USA so wenige überhaupt krankenversichert seien …

Spoiler: die werden dennoch versorgt.

Auch in UK seien nur so viele Menschen gestorben, weil das NHS so runtergewirtschaftet sei …

Nun, die erste Runde hatten wir durch das rasche Handeln der Regierung, die an allem schuld ist und uns unterdrücken und knechten will, mit nur wenig Federlassen überstanden. Inzwischen geht das deutsche Gesundheitssystem mit jeder Woche ein bisschen weiter in die Knie.

Vielleicht sind wir doch nicht das einzige Land, dass sein Gesundheitssystem im Griff hat?


Und Persönlich?

Für mich selbst war das Angstgefühl tatsächlich moderat. Wollte ich Covid-19 bekommen? Hölle nein. Ich habe zweimal in den letzten 11 Jahren die Grippe-Arschkarte gezogen (bevor ich anfing jährlich zu impfen, bzw. auch leider einmal im Spätwinter trotz der 1. Impfung). Davon ausgehend, dass einen eine schwere Grippe ins Krankenhaus bringt (oder ins Grab), hatte ich also immer noch nur eine ‚leichte‘ Grippe und möchte eine schwere Grippe gar nicht kennenlernen. Auch Covid-19 in der Variante ‚leichte Grippe‘: Danke, aber nein danke.

Und ja, hier spielt wieder die völlig falsche Vorstellung der meisten Menschen eine Rolle, dass ein grippaler Infekt eine Grippe sei und weil der nach ein paar Tagen erledigt ist, würde man ja auch eine Grippe ganz locker …

Die Abwesenheit von Angst ist eben wirklich sehr oft die Abwesenheit von Wissen oder Vorstellungskraft. Oder Erfahrung.

Darüber hinaus hatte ich aber keine blinde Panik. Weder bin ich zu Hamsterkäufen aufgebrochen, noch habe ich deswegen notwendige Behandlungen herausgeschoben oder den einmalig erforderlichen Besuch in der Notfallpraxis vermieden.

Allerdings habe ich mein persönliches Leben soweit heruntergefahren wie möglich und das nun seit 10 Monaten. Und ja, es nervt. Vor allem, weil es länger anhält, als es müsste. Weil so viele Menschen meinten keine Angst haben zu müssen.

Aber ich wollte mich schlicht und einfach aus der Rechnung herausnehmen. Ich persönlich habe die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Ich habe keinen Job, der ständige Kundenkontakte erfordert, keine Kinder, keine sonstigen Verpflichtungen, die die weitgehende Selbstisolation unmöglich machen. Daher mache ich das auch, damit die Zahl der Gesamt-Kontakte, die wir miteinander haben, niedrig bleibt. Damit wir alle weniger würfeln müssen.

Was nicht heißt, dass ich mich nicht einschränke. Immer nur walken gehen wird nach 10 Monaten schon fad (trotz Zombies Run!). Zumal die selbstauferlegte Reduzierung der Mobilität es auch ausschließt, wenigstens an den Wochenenden neue Strecken zu erkunden. Ich würde wieder gerne schwimmen gehen können und in der Sauna lungern. Ich vermisse Museen, vermisse es in die Bibliothek zum Arbeiten gehen zu können, vermisse es mich in ein Café setzen zu können. Ich vermisse die Treffen mit der Schreibgruppe alle 2 Wochen. Ich vermisse es, einfach mal wieder wegfahren zu können, eine Zugfahrt zu machen. Ich fand es auch schade, den Geburtstagen meiner Nichten und Neffen fernbleiben zu müssen.


Aber wovor ich tatsächlich Angst hatte, war eine Situation wie die, die nun eingetreten ist. Eine Situation, in der es sehr schwierig bis nahezu unwahrscheinlich erscheint, die Pandemie in Deutschland nochmal einfangen zu können. In der viele Menschen den Tod finden werden und das eben nicht ’natürlich‘, sondern verdammt qualvoll.

Und das, obwohl sich ein mögliches Ende, dank den Impfungen bereits in Griffweite zu befinden scheint.

Ich hatte auch Angst vor der Entsolidarisierung, wie man sie nahezu von Tag 1 an beobachten könnte. Von „es sterben nur Alte und solche mit Vorerkrankungen“, über „Risikogruppen schützen“, (womit in Wirklichkeit gemeint war, sie wegzusperren) über „Nein, eine Maske trage ich nicht“ und „Impfen? Nicht mit mir!“, bis hin zu „warum bekommen die Alten eine Impfung und nicht ich?“.

Die Hässlichkeit der Menschen wurde sehr schnell sichtbar und auch, wie dünn der Lack der Zivilisation in Wirklichkeit ist. Gerade als Mensch mit Behinderung, wurde es einem da relativ schnell und auch verdammt begründet, Angst und Bange. Eugenik ist quasi über Nacht salonfähig geworden. Mal verdeckter, mal offener, wie in UK, wo in betreuten WGs lebende Autisten eine Patientenverfügung hatten unterschreiben sollen, in der sie auf eine Wiederbelebung verzichten.


All das sind wirklich gute Gründe, Angst zu haben und diese Angst, wird auch in den zukünftigen Jahren bleiben. Denn was unsere Gesellschaft ausmacht und zu welcher Niedertracht viele Menschen fähig sind, das Wissen, das geht so schnell nicht wieder weg.

Kommentar verfassen