Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Blog-Archiv eines Threads auf Twitter.
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Der Beitrag sollte immer im Kontext der Ereignisse gelesen werden, in dem der ursprüngliche Thread auf Twitter entstand.

Okay, mal noch ein paar Tweets zur „Culture of Fear“ weil das Thema gerade Kapazität in meinem Hirn verstopft, die ich eigentlich für andere Aufgaben bräuchte. Warum?

Es ist wichtig über eine „Culture of Fear“ zu reden. Nur ist damit eben etwas komplett anderes gemeint, als der Strohmann, der jetzt mit der „Angstgesellschaft“ aufgebaut wird.

Wie gesagt, über die „Culture of Fear“ wird schon seit geraumer Zeit geredet, weil es bedenkliche Entwicklungen gab und auch weiterhin gibt.

Das hat sich durch die Pandemie nicht geändert und sollte auch nicht durch die Nebelkerze, die nun mit „Angstgesellschaft“ gezündet wird, nicht aus dem Blick geraten.

Was genau die „Culture of Fear“ ist, ist am Besten an der USA zu erkennen, weil sie bei uns (noch nicht) so ausgeprägt ist. Nutznießer dieser Angstkultur sind vor allem zwei Seiten:

  1. Konservative und autoritäre Politiker und Parteien
  2. Teile der Wirtschaft

1. Parteien und Politiker

Politiker und Parteien, denen Sachpolitik am Herzen liegt, leiden unter dem Problem, das Sachpolitik komplex ist und man schon Wähler braucht, die Interesse und Geduld haben, sich damit zu beschäftigen.

So ein richtig super Wahlkampfinstrument um eine breite Mehrheit anzusprechen, sind sie meist nicht. Daher: auch bei Parteien, denen es um Sachpolitik geht, sieht man dann deutliche Wählerwanderungen, wenn etwas den Wählern Angst macht.

(Womit ich nun nicht sage, dass diese Parteien gezielt Angst als Wahlkampfinstrument nutzen. Manchmal tun sie es, manchmal wird es ihnen nur vorgeworfen, von denen, die Angst sogar gewohnheitsmässig als Instrument nutzen.)

Die Grünen hätten sich vermutlich nicht als Partei etablieren können, wenn man die oft schlechte Luftqualität nicht deutlich gespürt hätte, wenn man das Waldsterben nicht gesehen hätte und wenn Menschen nicht (auch irrationale) Angst vor der Technologie Atomkraft gehabt hätten.

Umgekehrt wäre die CDU sicherlich nur halb so erfolgreich, wenn sie es nicht immer wieder schaffen würde, Menschen z.B. davor Angst zu machen, dass die Linken ihren Lebensstil in Gefahr bringen, in dem sie zu viel Geld für soziale Zwecke ausgeben.

Und das zweite Standbein der CDU ist immer „Sicherheit“. Und zwar die Sicherheit vor eher abstrakten Gefahren. Wie Kriminalität, obwohl wir in einer der sichersten Zeiten der Geschichte leben.

Aber nicht, weil die CDU besonders gut darin wäre, Kriminalität zu bekämpfen, sondern weil sie sowohl die Drohkulisse aufbaut, als auch die scheinbar einfachen Lösungen liefert: Hartes Durchgreifen.

2. Die Wirtschaft

Angst ist ein sehr, sehr einfacher Kaufanreiz und es gibt mehrere Bereiche der Wirtschaft, die Angst regelmässig zur Werbung nutzen. Zum Beispiel fast die gesamte Sicherheitsindustrie verkauft ihre Produkte über Angst.

Und damit meine ich nun nicht mal solche Sachen wie Rauchmelder. Sondern eher die Frage, ob die Wohnung eines Angstellten mit regelmässigem aber durchschnittlichen Einkommen und ohne große Wertanlagen wirklich mit 2 Schlössern + Fensteralarm gesichert sein muss.

Bereiche der Wirtschaft, versuchen zumindest den Eindruck aufzubauen, das wäre sinnvoll. Hier allerdings nicht so penetrant wir z.B. in den USA. Angst spielt auch dort eine Rolle als Werbemittel, wo man es nicht vermuten würde. z.B. Frauenzeitschriften.

„Wie ich meine Ehe wieder in Schwung bringe.“

„Die besten Datingtipps.“

„Die Bikini-Diät.“

Sehr viele Themen in Frauenzeitschriften setzen auf der Angst von Frauen auf, verlassen zu werden, keinen Mann zu finden und generell als gesellschaftlich gescheitert angesehen zu werden.

Das man dagegen Artikel findet wie „Glücklich sein und einen Scheiß drauf geben, was die anderen sagen“ ist selten. Sex sells, ja. Aber Angst sells more.

Soviel zu den Nutznießern, nun aber dazu, wie die „Culture of Fear“ aussieht, bzw. aussehen kann und warum sie tatsächlich so scheissgefährlich ist.

Nicht immer sind die Gefahren, auf denen aufgebaut wird, irrational oder nicht existent. Ein Beispiel sind School-Shootings. Die gibt es und es verlieren jedes Jahr erschreckend viele Menschen auf diese Weise ihr Leben. Was aber zur „Culture of Fear“ gehört, ist die Reaktion.

Nämlich, in dem zwei Dinge unterlassen werden oder einfach nicht genug Finanzierung erhalten:

  • Der Zugriff auf Waffen stark eingeschränkt und vor allem auf Sturmgewehre, die sich besonders gut für diese Art Angriffe eignen
  • Prävention

Was statt dessen getan wird, füttert die „Culture of Fear“ in dem es die Gefahr ständig präsent hält und die Ausnahmesituation zum neuen Normal macht.

  • Active shooter drills an Schulen und Universitäten
  • Regel und Vorgaben, die z.B. durchsichtige Rucksäcke erzwingen
  • ein breites Angebot zum Selbstschutz, wie schussichere Rucksäcke, die den Kindern eine höhere Überlebenschance sichern sollen.

Was auch dazu gehört, ist Kinder, Lehrer oder Personen, die an öffentlichen Orten arbeiten, dafür zu sensibilisieren, auf ungewöhliches Verhalten zu achten. Und was hier passiert, ist das außergewöhnliches Verhalten direkt mit GEFAHR! verknüpft wird.

Das ist natürlich ein Problem, weil sich das Leben nicht immer so in hübsche Kategorien einteilen lässt und nicht jeder (eigentlich sogar fast niemand), der vom Standardverhalten abweicht, führt Böses im Schilde.

Aus Historikersicht ist das Risiko heute Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, so gering wie noch nie seit Beginn der Geschichtsschreibung. Fragt man demgegenüber Menschen auf der Straße nach ihrem Sicherheitsgefühl, werden fast alle davon reden, dass diese zunehmen.

Es besteht eine extreme realexistierende Lücke, zwischen der tatsächlichen Gefahr zum Opfer von Gewalt zu werden und der Empfindung alles, das als fremd empfunden wird, auch als gefährlich zu fühlen.

(Eine Ausnahme: häusliche Gewalt.)

In Deutschland ist die Entwicklung, wie gesagt, (noch) nicht so deutlich, aber es wird z.B. „Aktenzeichen XY“ vorgeworfen, eine Kultur der Angst zu fördern, weil auch dort die Art der Darstellung den Eindruck erweckt, der nächste Intensivtäter lauerte gleich um die Ecke.

Ein Beispiel hierzulande ist auch die „Clankriminalität“ die auch mehr rassistisches Narrativ als realexistierendes Problem ist. Aber da gibt es auf Twitter Leute, die besser drüber reden können, als ich.

Was die „Culture of Fear“ in den USA bisher angerichtet hat, ist erschreckend.
Zum Beispiel hat sie sehr direkte negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Schülern und Studenten:

Das heißt, dadurch, dass es die Gefahr der School Shootings gibt und die Reaktion darauf, nicht wirklich geeignet ist, das Problem dort zu beheben, wo es entsteht, steigt das Risiko für Angsterkrankungen bei derzeit 81.5 Millionen US-Schülern.

Demgegenüber stehen, wenn wir uns ein schlimmes Jahr ansehen, 37 Tote und 68 Verwundete im Jahr 2018.

Im Prinzip könnte man sagen: Wir reden von einer Culture of Fear, wenn die Reaktion auf eine Gefahr weder im Verhältnis zum Risiko steht, Opfer dieser Gefahr zu werden, noch geeignet ist, die Gefahr zu beseitigen oder zu verringern.

Zu Reaktionen, die nicht gut geeignet sind, die Gefahren tatsächlich zu beseitigen, gehört der gesamte Komplex der Überwachung (Surveilance) und statt Prävention (Idee der Linken/teuer, siehe oben) auf Abschreckung und harte Strafen zu setzen (einfach zu vermitteln).

Surveilance zeigt hinterher nur was passiert ist, statt Verbrechen zu verhindern. Kombiniert man Surveilance noch mit einem schnellen Eingreifen, dann geschieht das, wenn sich Menschen nicht normgerecht verhalten.

Und wer verhält sich regelmässig nicht normgerecht? Richtig. Menschen in Notlagen, Menschen in außergewöhnlichen Lebenssituationen, Menschen mit Behinderungen.

Wird die Kultur der Angst dann noch in eine Organisation getragen, die berechtigt ist, Macht und Gewalt auszuüben, wie die Polizei, trifft die Scheiße den Ventilator. In den USA wurde hier die zweite Stufe der „Culture of Fear“ gezündet.

Die bereits ungeeignete Reaktion auf Gefahren wie Shootings wurde durch den „Cult of Compliance“ ergänzt. Oder konkret: Die Polizei muss ja das eigene Leben schützen und daher musst du eben alles dafür tun, dass du nicht bedrohlich wirkst. Sonst muss man die Polizei verstehen

Ich empfehle einen Blick ins Archiv von @Lollardfish s Blog, wie sich das auf Menschen auswirkt, die nicht in der Lage sind, diese bedingungslose Compliance zu zeigen: Cult of Compliance

Der jüngste Höhepunkt dieser „Culture of Fear“ kombiniert mit dem „Cult of Compliance“ sieht man derzeit in Florida. Wo Menschen mit verstärkten Kontrollen überzogen werden, weil ihr Profil darauf hinweist, dass sie eventuell Verbrechen begehen könnten:

Dann jetzt zurück, zu dem Strohmann, der aktuell durch die „Angstgesellschaft“ aufgebaut wird. Während auf der anderen Seite die „Culture of Fear“ aktiv genährt wird:

Bzw. es ist die gleiche Seite, die die „Culture of Fear“ nährt, die auch von der „Angstgesellschaft“ redet.

Apart finde ich hier, wie Herr Grau im ersten Absatz reale Probleme, vor denen wir gesellschaftlich stehen, wie den Klimawandel, in einem Atemzug mit irrationalen Ängsten zu nennen. Das ist garantiert purer Zufall.

Ein paar Gedanken dazu, warum irrationale Gefahren als realer empfunden (oder dargestellt werden) als rational-nachweisliche Gefahren, hatte ich hier schon zusammengefasst:

Dazu kommt, dass im Zuge der Pandemie von Beginn an Nebelkerzen gezündet wurden, wo denn genau die Gefahr liegt. Nämlich wurde behauptet, alle, die für konsequente Maßnahmen eintreten würden, hätten vor allem Angst um das eigene Leben. Und sicherlich ist auch das ein Faktor.

Die tatsächliche Gefahr einer Pandemie besteht aber nicht im persönlichen Risiko des Einzelnen, sondern im gesellschaftlichen Risiko und der Unberechenbarkeit. Wie:

  • Zusammenbruch des Gesundheitssystems und des öffentlichen Lebens
  • zerrissene Familien
  • unbekannte Langzeitfolgen (siehe Post-Polio-Syndrom)
  • daher unkalkulierbare Belastung der Sozialsysteme auf Jahrzehnte hinaus
  • das Mutationen bereits gewonnene Erkenntnisse oder Gegenmittel zunichte machen & man sich ständig neu an den Verlauf der Pandemie anpassen muss.
  • politische und gesellschaftliche Verwerfungen (gerne mal schauen, bei welchen großen Umwälzungen Epidemien den Weg bereitet haben)

Auch sind die Gegenmaßnahmen zwar teils drastisch, aber durchaus geeignet dem Problem zu begegnen. Lockdowns schaffen natürlich Probleme, auch große, aber sie sind die kontrollierte Reaktion auf eine Epidemie um einem unkontrollierten Zusammenbruch vorzubeugen.

Und last, but not least, was ja alles Angstgesellschaft-Sager gerne unterschlagen: es handelt sich dabei um temporär begrenzte Maßnahmen und zwar um so temporärer um so konsequenter erst Mal vorgegangen wird.

(Schwubs, ist der Rest der Gedanken auch schon aus dem Kopf rausgefallen und ein schöner Abschluß fehlt. Allen Lesern: Danke, dass Sie auch heute bei ‚Mela kehrt das Hirn durch‘ dabei waren. Beehren sie uns wieder, wenn es heißt: „ARGH, ich muss doch eigentlich was anderes tun!“)

Weiterlesen

DPA, 2021. Neuer Blick auf Corona: Stamp warnt vor dauerhafter Angstgesellschaft. Aachener Zeitung [online]. 11 Juli 2021. [Zugriff am: 9 August 2021]. Verfügbar unter: https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/stamp-warnt-vor-dauerhafter-angstgesellschaft_aid-61095185
GRAU, Alexander, 2021. Leben in der Angstgesellschaft. swr.online [online]. 6 Februar 2021. [Zugriff am: 1 Oktober 2021]. Verfügbar unter: https://www.swr.de/swr2/wissen/leben-in-der-angstgesellschaft-swr2-wissen-aula-2021-06-03-100.html
KHA, 2021. Florida: Wie die Polizei in Pasco ein Überwachungsprogramm als Lebenshilfe verkauft. Der Spiegel [online]. 27 Juli 2021. [Zugriff am: 11 August 2021]. Verfügbar unter: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/florida-wie-die-polizei-in-pasco-ein-ueberwachungsprogramm-als-lebenshilfe-verkauft-a-e1f64be7-ebde-4e41-bb17-3a0d5288edf8
KINGKADE, Tyler, 2020. Active shooter drills are meant to prepare students. But research finds ‘severe’ side effects. NBC News [online]. 3 September 2020. [Zugriff am: 11 August 2021]. Verfügbar unter: https://www.nbcnews.com/news/us-news/active-shooter-drills-are-meant-prepare-students-research-finds-severe-n1239103
WALKER, Christina, 2019. 10 years. 180 school shootings. 356 victims. Edition CNN [online]. Juli 2019. [Zugriff am: 11 August 2021]. Verfügbar unter: https://www.cnn.com/interactive/2019/07/us/ten-years-of-school-shootings-trnd/

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