Mir ist vorhin in einem Kommentar auf Quora etwas der Kragen geplatzt …

… aber ich möchte das nicht alleine dort im Kommentar belassen. Denn als Historikerin ist das Verhalten ist die vorherrschende Apathie, der Unwille, Wissen, das wir haben, auch anzuwenden, und Mittel, die wir haben, auch einzusetzen, einfach nicht mehr verstehbar.


Das ist aus meiner aktuellen Recherche. Aus einer Zeitung vom 24. Januar 1922. Vor 100 Jahren.

.. im ganzen Monat nur 9 Todesfälle vor.

Auf Tuberkulose ist mehr als ein Zehntel der Gesamtsterbefälle zurückzuführen, nämlich rund 1500, also 375 pro Woche.
Das sind wöchentlich 25 Todesfälle mehr als im Oktober und 35 mehr als im August.

Etwa die gleiche Zunahme gegenüber dem Oktober wies die Lungenentzündung auf.
Kamen dort auf die Woche rund 250 Todesfälle, so waren es im November 276.
Im Vergleich zum September hatte jedoch der Berichtsmonat rund 110 Fälle pro Woche mehr zu verzeichnen.

Bei Influenza blieb die Sterbezahl im November gleich hoch wie im Oktober.
Ihr sind in den beiden Monaten im Durchschnitt der Woche 33 Personen erlegen.
Von der Gesamtzahl der 132 an Influenza Gestorbenen entfallen je 5 auf Augsburg, Berlin, Düsseldorf und München, 6 auf Frankfurt, je 7 auf Essen und Hamburg, je 8 auf Breslau, Dortmund und Leipzig und je 50 auf Köln. (Transkription bei Bernhard Elsner)
“Kommunalpolitische Rundschau” — Karlsruher Zeitung vom 24.1.1922 — Digitalisat der Badischen Landesbibliothek

Knapp 400 Tote durch Lungentuberkulose pro Woche. Im November. 9 Jahre vor der Entdeckung des Penizillins.

Das sind die Covid-19 Todeszahlen von Mitte Juni bis Mitte August 2022.

Die Einwohnerzahl Deutschlands ist seit damals von rund 62 Millionen um nur etwas über 20 Millionen Menschen auf 83 Millionen angewachsen. UND wir wissen, mit welchem Pathogen wir es zu tun haben und wir WISSEN was wir alles tun können. Wir haben Medikamente, Intensivmedizin, Beatmung, Masken, Luftfilter.

Und dennoch diese Zahlen. Woche. Für. Woche. Im Hochsommer.

Damals suchte man fieberhaft nach Mitteln und Wegen, was man gegen diese Krankheitslast tun kann. Heute haben wir die Mittel, wir kennen die Wege und wir entscheiden uns nichts zu tun. Weil wir es für zu mühsam empfinden. Weil wir die Opfer für verzichtbar halten. Weil das Sterben sauber und weit weg von uns im Krankenhaus passiert.

Mich macht diese Apathie einfach nur noch fassungslos.


Ach, noch eine Bemerkung an der Seite: Die oben verzeichneten Todeszahlen der Influenza: 33 Personen pro Woche im November 1921.

Nochmal: Wir reden hier vom November 1921. Das bedeutet, die tödliche 2. Welle der Spanischen Grippe (Oktober/November/Dezember 1918 in Deutschland) liegt genau 3 Jahre zurück.

Statistiken zeigen, dass sich die Todeszahlen der Influenza erst 5 Jahre nach dem 1918 wieder auf das Vor-Pandemie-Niveau normalisiert hatten. Wir reden bei 33 Todesfällen pro Woche also immer noch von einer Grippesaison, die leicht stärker als üblich ist.

Nur, falls noch jemand weiterhin behaupten möchte, dass Covid-19 “auch nur so eine Grippe” ist.


1 Comment Apathie

  1. Juna

    Ich habe inzwischen die Hoffnung und vor allem den Glauben aufgegeben, dass Menschen aus der Vergangenheit lernen – und ich arbeite in einer Gedenkstätte.

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