Als Wissensarbeiterin und Studentin beschäftige ich mich jetzt ja schon seit vielen Jahren mit der Frage, wie ich mit dem, was ich lese und lerne, so umgehe, dass ich auf lange Sicht erfolgreich darauf zurückgreifen kann.
Insofern habe ich natürlich auch immer ein Auge auf den Bereich des »Knowledge Managements«.
Eine Ewigkeit war das ein totales Nischenthema. Bis es plötzlich explodierte, weil gefühlt die ganze Bubble der Internet-Business-Hyperachiever auf den »Building Your Second Brain«-Zug aufsprang.
Auf einmal war da gefühlt eine Tonne Bücher und Anleitungen, wie man mit $TOOL noch besser und noch mehr Notizen anlegen kann … und Luhmann hier, Luhmann da.
Seit ein paar Monaten beobachte ich den gegenläufigen Trend. Auf einmal schreiben immer mehr Leute darüber, wie sie ihren kompletten Zettelkasten gelöscht haben und sich auf einmal so befreit fühlen.
Warum? Weil sie festgestellt haben, dass sie die aufbewahrten Notizen gar nicht brauchen. Einer beschrieb, dass er dort alte Versionen seines Ichs fand und veraltete Ideen. Ein anderer, dass er zwar viel schrieb, aber wenig von dem, was er festhielt, je wieder las.
Tja.
So geht es mir nicht, und da komme ich dann zu einem möglicherweise unpopulären Gedanken:
Vielleicht liegt es auch an den Inhalten?
Vielleicht waren diese Notizen, das Zweitgehirn, sogar das ehrlichere Gehirn, das ein Schlaglicht auf die Oberflächlichkeit in der Hyperachiever-Blase und die tiefe Bedeutungslosigkeit der Hustle-Kultur warf?
Eine Blase, die in erster Linie beschäftigt wirkt, statt sinnstiftend beschäftigt zu sein.
Und dass auch Wissen nur dann nützlich ist, wenn man es hin und wieder mal updatet und mit neuen Erkenntnissen anreichert, aber nicht in einem fossilisierten Zustand, in dem man möglichst viel schreibt, nur um möglichst viel geschrieben zu haben.
Ich schreibe viel weniger, als ich möchte, halte viel weniger für die Zukunft fest, als ich gerne würde. Vor allem, weil mein Energielevel gar nicht so viel zulässt, wie ich persönlich anstrebe.
Deswegen: Wenn ich etwas niederschreibe, dann meist, weil mich etwas mehrfach Zeit kostet, weil ich die Details immer wieder von Neuem zusammensuchen muss. Wenn ich also erkenne, etwas wird auch in Zukunft nützlich für mich sein.
Daher: Vielleicht wäre es für die jetzt enttäuschten Business-Bros sinnvoller, sich zu überlegen, ob die Inhalte, mit denen sie sich beschäftigen, den Aufwand wert sind, und nicht, ob sie einen Zettelkasten brauchen, weil alle anderen Business-Bros einen Zettelkasten haben.
Und vielleicht liegt es generell daran, egal, wer einen Zettelkasten aufbaut oder ein anderes System, um dauerhaft auf Gelerntes und Gelesenes zurückgreifen zu können, dass man sich zu wenig Gedanken macht, was denn wirklich die Essenz dessen ist, was man festhalten will.
Dass man sich der mentalen Leistung verweigert, aus einem Wust Informationen wirklich herauszufiltern, was relevant ist und was über einen kurzen Zeitraum hinaus wichtig und nützlich sein wird.
Aber so ist das eben mit Trends. Mit soll es recht sein. Wenn die Hyperachiever-Karawane weiterwandert, wird es vielleicht im Knowledge-Management-Feld wieder etwas ruhiger, weniger fancy, und die Tools richten sich auch wieder mehr auf nachhaltige Arbeitsweisen ein, statt auf den kurzfristigen Hype.
P.S. Ich glaube wirklich, dass sich Personen in dieser Bubble vom Gedanken verleiten ließen, dass, wenn sie nur genug Zettel anlegen, irgendwann mal etwas Großartiges daraus wird. Ihr wisst schon, wie bei Luhmann. Ein paar Jahrzehnte Dinge niederschreiben und —WUMMS— Magnum Opus. Was fehlt, ist der Erkenntnisprozess, dass man erst mal Inhalte haben muss, bevor man hoffen kann, dass hinten etwas Sinnvolles dabei herauskommt.
HM, an sich enthält ja der Zettelkasten nicht, was du GELERNT hast, denn das ist ja im Kopf. Es ist ggf. eien ZUsammenfassung von dem,w as mal durch deinen KOpf ging, ja. UNd ggf. enthält es Hinweise auf die Quelle und Kontext dazu, oder?