Hatte Armin Laschet mit seiner wachsweichen Reaktion auf den Mord von Idar-Oberstein vorgelegt, zog heute die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft und CDU-Vorsitzende des Landesverbands Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, in deren Wahlkreis der Mord geschah, nach:

Julia Klöckner

In einem Video bezeichnete sie die Ursache des Mordes als Folge „unterschiedlicher Sichtweisen“.

Im Wortlaut:

„[…] Warum? Weil es unterschiedliche Sichtweisen zu den Corona-Regeln gab. Der junge Mitarbeiter hat nichts anderes verlang als dass, was selbstverständlich ist. Dass jeder, der die Tankstelle betritt auch Mund auch Mund-und-Nasenschutz zu tragen hat. Um sich und andere zu schützen. Was ist die Folge gewesen? Er wurde erschossen. […] Aber mich treibt auch um, wie radikalisiert extreme Sichtweisen sein können, dass Alex, mit 20 Jahren sein Leben lassen musste.“

Julia Klöckner, den 22. September 2021.

Das hat noch nicht ganz die Qualität von „very fine people on both sides“ aber sehr weit von dieser Rhetorik entfernt sind wir auch nicht.

Rufen wir uns in Erinnerung.

In geschlossenen Räumen, die öffentlich oder im Rahmen eines Besuchs- oder Kundenverkehrs zugänglich sind, ist eine medizinische Gesichtsmaske (OP-Maske) oder eine Maske der Standards KN95/N95 oder FFP2 oder eines vergleichbaren Standards zu tragen, soweit in dieser Verordnung nichts Abweichendes bestimmt ist.

Sechsundzwanzigste Corona-Bekämpfungsverordnung Rheinland-Pfalz (26. CoBeLVO) vom 8. September 2021, § 3, „Allgemeine Schutzmaßnahmen, Begriffsbestimmungen, Seite 3.

„Öffentliche oder gewerbliche Einrichtungen sind unter Beachtung der allgemeinen Schutzmaßnahmen geöffnet, soweit in dieser Verordnung nichts Abweichendes bestimmt ist. Sowohl in geschlossenen Räumen als auch im Freien, insbesondere in Wartesituationen, gelten vorbehaltlich der Bestimmungen des § 4 Abs. 4 das Abstandsgebot nach § 3 Abs. 1 Satz 1, die Maskenpflicht nach § 3 Abs. 2 Satz 2 und die Personenbegrenzung nach § 3 Abs. 5.“

Sechsundzwanzigste Corona-Bekämpfungsverordnung Rheinland-Pfalz (26. CoBeLVO) vom 8. September 2021, § 7 „Voraussetzungen für die Öffnung von Einrichtungen, Seite 11.

Es kann keine Rede von „Sichtweisen“ sein. Der Tankstellenkassierer hat geltende Bestimmungen durchgesetzt. Der Kassierer war im Recht. Der Kunde und spätere Mörder im Unrecht. Es gab keine Debatte, keinen Austausch von Meinungen. Es gab rechtliche Vorgaben und das Hausrecht auf der einen Seite, es gab einen Regelbruch und Selbstjustiz auf der anderen Seite.

Die Darstellung Klöckners, deutet an, dass es sich um einen Austausch auf Augenhöhe gehandelt habe. Um zwei Standpunkte, die man haben kann und eine Person, die dann lediglich Maß und Ziel aus den Augen verloren hat.

Matthias Meisner wird deutlich:

Ließ nicht lange auf sich warten: „Der Einzeltäter“

Während man bei islamistischen Terroranschlägen selten zuerst beim Kriminalpsychologen anklingelt, um sich über den psychischen Zustand der Terroristen zu erkundigen, tat man bei der DPA genau das. Während sich Lydia Benecke zurückhaltend äußert, dass es für eine solche Tat unterschiedliche Gründe geben könnte, warnt ihr Rudolf Egg vor voreiligen Schlüssen. Um umgehend einen solchen zu ziehen:

„Niemand, der halbwegs bei Verstand sei, würde einen ihm völlig unbekannten jungen Mann wegen eines Hinweises auf eine Maske erschießen. Das sei kriminalpsychologischer Nonsens.“

Rudolf Egg, Deutschlandfunk, via DPA

Herr Egg ignoriert gekonnt den Umstand, dass sich die Querdenkerszene seit 20 Monaten zunehmend radikalisiert und es nicht zum ersten Mal zu Gewalttaten gekommen ist. Auch Drohungen, vor allem gegenüber Journalist:innen, sind an der Tagesordnung. Sowohl der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, wie auch die Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim benötigen seit geraumer Zeit Personenschutz. Drohungen gab es auch gegen Wissenschaftler, on- wie offline.

Von Beginn der Pandemie an wurde der Frust über die Maßnahmen vor allem an Kassierer:innen und Verkaufspersonal abgearbeitet. Diese mussten sich anspucken lassen (in England sogar mit Todesfolge), wurden angegriffen, mal erfolglos aber oft auch erfolgreich. Auch Kunden wurden mitunter Opfer von einkaufenden Querdenkern.

Übergriffe gab es auch vermehrt auf Polizisten, Reporter:innen und TV-Teams.

Vor allem die kollektive Bezeichnung von Maßnahmenbefürwortern als „Schlafschafe“, ihre Darstellung als ignorante Personen, die den „öffentlichen Medien alles glauben“, während Querdenker, die teils Anhänger weiterer Verschwörungsmythen wie dem QAnon-Kult sind, selbst glauben, über ein erleuchtetes Geheimwissen zu verfügen, sollte aufmerksam machen. Hier werden Menschen nicht nur dehumanisiert (Schafe), sondern auch zu einer gesichtslosen, fremdgesteuerten Masse erklärt, hinter der in Wirklichkeit bösartige ‚Eliten‘ stecken.

Auf diese Weise desensibilisiert sich die ganze Szene seit Monaten, und sieht in denen die außerhalb der eigenen Zusammenhänge stehen, zunehmend nicht mehr das menschliche Gegenüber, sondern einen Gegner.

Aber es reicht offenbar nicht einmal, den Grund der Tat direkt in Worte zu fassen, um nicht doch erst einmal die Legende vom garantiert auf andere Weise motivierten Einzeltäter eine Ehrenrunde durch die Medienlandschaft drehen zu lassen.

Zufälliger Waffenbesitz

Haben wir nicht alle eine Waffe in der Küchenschublade liegen für den Fall, dass wir schnell mal eine brauchen, wenn wir uns darüber ärgern, dass wir uns wie erwachsene Menschen verhalten müssen? Die Kölnische Rundschau mit einer steilen Theorie, dass die Tat wohl kaum wirklich vorbereitet gewesen sei …

Im Affekt

Gut zu wissen, dass auch nach Hause zu fahren, die Waffe zu holen und erst nach fast zwei Stunden wiederzukehren, noch als „im nächsten Moment“ bezeichnet wird. Auch diese steile Interpretation stammt vom Kriminalpsychologen Rudolf Egg.

In der Realität: zunehmende Eskalation

Vor allem auf Telegram wird der Mord dagegen fast vorbehaltlos gefeiert, was erneut auf die unfassbare Desensibilisierung und Radikalisierung der Szene hindeutet.

Die Autorin und Expertin für Verschwörungsmythen und Desinformation, Pia Lamberty, stellte eine Übersicht der zunehmenden Radikalisierung der gesamten Szene zusammen:

Im Thread zeichnet sie nach, dass Querdenker nicht nur für Übergriffe auf Angestellte im Einzelhandel, Bahnmitarbeiter:innen und Journalist:innen verantwortlich sind, sondern auch für Brand- und Sprengstoffanschläge, sowie Sabotage und Sabotageversuche der Impfkampagne.

Das ignoriert und teils sogar akzeptiert von der Politik. Die bei Hygiene- und Querdenkerdemos lange Zeit Rechtsbrüche von oben sanktioniert ‚übersah‘, weil man es mit einem Teilnehmerklientel aus der „Mitte der Gesellschaft“ zu tun zu haben glaubte, deren Ideen und Forderungen anschlußfähig an den Rest der Gesellschaft seien.

Den vorläufige Höhepunkt bildet nun der Tod eines jungen Mannes.

Armin Laschet: Signale nach Rechts …

Derweil ist Armin Laschet weiterhin der Ansicht, dass mit dem CDU Wahlwerbevideo so alles schon in Ordnung war.

Er redet weiterhin mit „kritischen“ Menschen, was alleine schon ein Hohn ist, nachdem er alles dafür getan hat, Zweifel an der Wissenschaft zu schüren und zu verstärken.

„Immer wenn jemand ankommt und sagt ‚die Wissenschaft sagt‘, ist man klug beraten, zu hinterfragen, was dieser gerade im Schilde führt…“

Armin Laschet via Quarks @ Twitter

… und nur nach Rechts.

Dabei sollten wir auch nicht vergessen, mit wem die Landesregierung NRW bzw. Armin Laschet nicht gesprochen hat. Mit medizinischem Personal zum Beispiel.

Mit Eltern:

Und hungerstreikenden Klimaaktivisten:

Dishonorable Mention – Wolfgang Kubicki

Bereits am Dienstag nach dem Mord, gibt Wolfgang Kubicki, seines Zeichens Vizepräsident des Deutschen Bundestages, der während der Pandemie vor allem dadurch auffiel, mit scheinbar einfachen Zusammenhängen überfordert zu sein und das auch öffentlich kund zu tun, der BILD ein launiges Interview.

Wenige Tage, nachdem ein junger Mann von einem Querdenker ermordet wurde, der keine Maske tragen wollte, wissen wir nun also, dass ein Vizepräsident des Deutschen Bundestages, es mit den Pandemie-Maßnahmen auch nicht immer so genau genommen hat. Sondern, dass er diese auch bewusst unterlaufen hat. (Und zeigt nebenbei erneut, dass ihm das Konzept von prä- und asymptomatischer Infektiosität zu hoch zu sein scheint.)

Wolfgang Kubicki: „Ich geb das ja zu, auch wir hatten hier in Strande, wie in jedem Ort den ich kenne, gab’s Prohibitionskeller. Also Kneipen die trotzdem geöffnet hatten, obwohls verboten war.“ Paul Ronzheimer: „Sind sie da mal reingeschlupft?“ – Wolfgang Kubicki: „Ja, selbst verständlich. Was denn sonst? Wir haben hier keinen einzigen Fall in Strande. Nich?“

Wolfgang Kubicki im XXL-Interview — BILD (Archive.org)

Gefeiert wird diese Aussage von BILD-TV-Chefredakteur Claus Strunz:

„[…] etwas worüber ich mich heute gefreut habe, und zwar über Wolfgang Kubicki, der ein bemerkenswertes Interview gegeben hat und bemerkenswerte Dinge gesagt hat. Nämlich, was man machen soll, wenn man Coronaregeln unsinnig befindet. Und da der Mann Politiker ist und auch noch stellvertretender Parlamentspräsident, hat sein Wort Gewicht. Hören sie mal zu!“

BILD @ Twitter — BILD-TV „Viertel nach Acht“ (Archive.org)

Übergang zur Tagesordnung und diese Tagesordnung ist zumindest bei der CDU und der FDP Gewalt-bagatellisierend, Wissenschaft-leugnend und Rechtsaußen-verstehend.

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