Dieser Beitrag wurde zuerst für die Frage-und-Antwort-Plattform Quora geschrieben. Er wurde weitgehend übereinstimmend, mit allen Tippfehlern, ins Blog übernommen.

Quora hat Meinungen1)Man muss nicht immer zu allem instant eine Meinung haben. Vor allem dann nicht, wenn einen etwas nicht betrifft. Es ist weise, dann erst mal die Leute drauf anzusprechen, die es betrifft. In diesem Fall Angehörige betroffener Minderheiten. zu kultureller Aneignung.

Erschreckenderweise, wenn auch leider nicht überraschend ist die dominierende Ansicht: Das ist Rassismus! Gegen Weiße!!!

Wem das noch nicht reicht, der sieht sogar Faschismus2)Faschismus. Gegen die Mehrheitsgesellschaft. Gehe bitte direkt zum nächsten Kultusministerium, lass Dir bei “Geschichte” eine Sechs in Abschlusszeugnis eintragen. Gehe nicht über Los und ziehe keine 2000 Euro ein..

*stares in Historian (in Training)*

Damit ich mich nicht weiter in sinnlose Diskussionen mit gefestigten Ansichten (RASSISMUS! GEGEN WEIßE!!) begeben muss, eine kurze Zusammenfassung, worum es beim Konzept der “kulturellen Aneignung” eigentlich geht und was sie von “kulturellem Austausch” der normal, gut und wichtig ist, unterscheidet.

  1. Kein Machtgefälle, keine kulturelle Aneignung

    Wenn wir von kultureller Aneignung reden, reden wir immer von einem Machtgefälle. Das heißt, Menschen einer Kultur, die finanziell Oberhand hat, in der Einfluß und Netzwerke zur Verfügung stehen, sowie Zugang zu Finanzierungen oder Medien, bedienen sich bei einer Kultur, deren Mitglieder diese Mittel nicht oder in weit geringerem Umfang zur Verfügung stehen. Das gilt besonders dann, wenn Mitglieder der fraglichen Kultur im Alltag strukturell oder offen diskriminiert werden.
    Der umgekehrte Weg, kultureller Austausch von einer dominierenden Kultur zu einer Kultur mit weniger Macht und Einfluß, ist keine kulturelle Aneignung. Die Kriterien treffen schlicht nicht zu.
  2. Respekt gegenüber der Kultur & diese als Ganzes repräsentieren

    Kulturelle Aneignung ist, wenn Teile einer Kultur aus dieser und ihrem Kontext herausgelöst werden und von einer dominanten Kultur als Gimmick oder Dekoelement benutzt werden. Auch, wenn wichtige Symbole oder Merkmale der Kultur auf respektlose Art veralbert werden.
    Es ist ein Merkmal kultureller (Über-)Macht, sich ohne Folgen über eine andere Kultur erheben und diese lächerlich machen zu können. Während umgekehrt sogar, je nach “Größe” des Vorfalls, diplomatischer Ärger oder der Entzug von Unterstützung denkbar wäre.
  3. Monetäre Ausbeutung der Kultur & Angehörige der Kultur fernhalten

    Angehörige einer dominanten/finanzstarken/mächtigen Kultur machen die Symbole, Merkmale oder Produkte einer anderen Kultur zu Geld. Sie nutzen den ‘exotischen’ Touch einer anderen Kultur um eigene Produkte, Waren und Dienstleistungen interessant zu machen.
    Mehr noch: Ihr Tun hält Angehörige der Kultur davon ab, aus ihrer Kultur selbst Gewinn zu schöpfen.

Kulturelle Aneignung als definiertes Konzept ist nebenbei keine Idee der “Linken”. Es entstand u.a., durch die Aktionen von US-Modekonzernen, die Scouts in Stadtviertel schickten, in denen vor allem Einwanderer-Communities leben. Dort schaute man sich die oft sehr kreativen Stile und Ideen der Bewohner ab und vermarktete sie in großem Stil. Natürlich ohne die Bewohner, deren Stil man so toll marktreif fand, als Designer anzustellen und somit am Gewinn teilhaben zu lassen. Oder gar einen Anteil abzugeben.

Der Stein des Anstoßes:

Quora hat ganz dolle Mitgefühl mit weißen Musikern, die ihr Konzert abbrechen mussten. Wegen Rastas! Und Reggae!

Konzert-Abbruch in Bern, weil weisse Musiker Rastas tragen — In einer Stellungnahme entschuldigte sich die Veranstalterin für «Sensibilisierungslücken».

Nein. Ich behaupte, sie mussten das Konzert nicht wegen Rastas und Reggae abbrechen, sondern weil sie STATT einer Band mit Jamaika-stämmigen Musikern engagiert wurden.

Denn die Band hat ein Bedürfnis erfüllt. Durch ihre Musik und ihr Auftreten gaben sie der Veranstaltung den gewünschten exotischen Touch. Ich meine Reggae ist genial. Die beste Musik um gute Laune zu bekommen.

Aber Musik ist auch ein hart umkämpftes Geschäft und es gibt mehr Bands, die die Wochenenden im Probekeller verbringen, weil sie nicht gebucht wurden als Bands, die auf Bühnen stehen.

Genau deswegen ist Musik ein Geschäft, in dem Ungerechtigkeit die Norm ist.

Die Band (oder eher der Künstler mit seiner Band) Lauwarm stammt aus Bern. Das Engagement war in Bern. Kurze Wege, jemand kennt jemanden der eine coole Band organisieren kann, die coolen Reggae spielt. Die als Bonus auch noch alle so aussehen wie echte Rastafari. Nur, dass es Weiße sind. Aber dann versteht man die immerhin auch. Die sind genau das Richtige für Sommer, Sonne, Party nach zwei Jahren Pandemie.

All das ist Macht.

Natürlich keine Art Macht die Lauwarm zu musikalischen Overlords macht, aber Macht durch Geographie und Netzwerke, die Musikern mit jamaikanischen Wurzeln sehr wahrscheinlich nicht zur Verfügung stehen.

Und wenn man schon eine Band hat, die bietet, was man sucht, muss man sich ja nicht die Mühe und den Aufwand machen, weiterzusuchen, oder? Dann spart man sich auch eventuell noch die Anreisekosten und Unterbringung für Jamaika-stämmige Reggaemusiker … ist doch alles viel einfacher so. Und billiger. Und man hat ja das exotische Flair, das man sucht.

Außer halt für die Reggaebands mit jamaikanischen Musikern, die vielleicht sogar Rastafari wären, aber das Wochenende eben im Proberaum verbringen werden, weil sie niemand angefragt hat.

Und das nur wenige Jahre nach dem Windrush-Skandal. Der aufdeckte, wie Angehörige der Windrush-Generation vom britischen Staat systemantisch benachteiligt wurden, abfällig behandelt wurden, man ihnen Papiere, eine Anerkennung als Bürger und damit auch Bildungschancen und Karrieremöglichkeiten verwehrte.

Muss man sich angesichts dessen dann wirklich Gedanken machen, dass man einen gut vernetzten weißen Musiker Musikern vorgezogen hat, die einmal über den Kanal um ihre Anerkennung als Bürger kämpfen müssen? Dass jemand der wahrscheinlich von klein auf Musikschulen besuchen konnte ohne kämpfen zu müssen, vor Publikum die Musik spielt, die fundamental zum jamaikanischen Selbstverständnis gehört und vielleicht gar als Folge der Befreiung vom Kolonialreich Großbritanien entstand?

Nun, die Gäste vor Ort scheinen derartigen Ungerechtigkeiten gegenüber sensibilisiert gewesen zu sein. Die Menschen, die nun hinterher ganz genau wissen, dass das Rassismus!!! ist, gegen Weiße!!! anscheinend nicht so sehr.

Lauwarm wird sich als Folge der Geschichte in Zukunft auch sicherlich einem vollen Buchungskalender erfreuen dürften. Reggaebands mit jamaika-stämmigen Musikern kämpfen derweil weiter um ihre Anerkennung als britische Bürger.


Wenn PoC über Rassismus berichten, z.B. darüber, was es mit ihnen macht immer wieder zu hören, wo sie “eigentlich wirklich” herkommen, dann sollen die sich nicht so dranstellen. Dann sind sie nur zu empfindlich. Oder haben ein “Opferabo”.

Aber wenn Weiße mal ein “Nein” hören, ist es immer gleich faschistoid oder Faschismus. Drunter machen wir es nicht.

Go figure.


Fußnoten

Fußnoten
1 Man muss nicht immer zu allem instant eine Meinung haben. Vor allem dann nicht, wenn einen etwas nicht betrifft. Es ist weise, dann erst mal die Leute drauf anzusprechen, die es betrifft. In diesem Fall Angehörige betroffener Minderheiten.
2 Faschismus. Gegen die Mehrheitsgesellschaft. Gehe bitte direkt zum nächsten Kultusministerium, lass Dir bei “Geschichte” eine Sechs in Abschlusszeugnis eintragen. Gehe nicht über Los und ziehe keine 2000 Euro ein.

1 Comment Kulturelle Aneignung. Ein Rant.

  1. Chris

    Danke! Es ist sehr erfrischend mal ein Text dazu zu lesen, wo sachlich aufgeklärt wird was kulturelle Aneignung eigentlich ist (plus etwas Humor). Bisher habe ich zu oft mimimi von weisen die sich selber als Opfer sehen gelesen, und zu wenig von Betrofenen.

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