Ich muss mal noch eine Runde über Nuhr und seine SLAPP-Klage1 gegen den Standard ranten. Denn was Nuhr hier unter anderem erreichen möchte, ist, dass nur seine Deutung seiner Aussagen die zulässige Deutung bleibt. Und mehr noch … In der Begründung für die Klage schreibt sein Geschäftsführer:

"Herr Nuhr greift dabei eine konkrete publizistische Denkfigur auf, die das individuelle Zusammenleben mit einem Partner zur statistischen Bedrohung erklärt und damit sämtliche Männer unter einen Generalverdacht stellt." Diese "Denkfigur" führe er mit dem "anerkannten Stilmittel der Übertreibung ad absurdum".

Oder mal auf andere Art formuliert: Nuhr möchte nicht, dass wir über strukturelle Frauenfeindlichkeit reden. Er möchte nicht, dass wir diese gesellschaftlich diskutieren. Er möchte nicht, dass die Ursachen von Femiziden außerhalb der individuellen Schuld der Täter gesucht werden2. Er möchte keine gesellschaftliche Debatte, wie man Femizide verhindern kann, solange das nicht geht, ohne strukturelle Misogynie zu thematisieren. Entweder versteht er den Unterschied zwischen “jeder Mann trägt individuelle Schuld” und “eine strukturell misogyne Gesellschaft begünstigt die Täter und ermöglicht die Tat” nicht, oder er will ihn nicht verstehen.

Damit das aber nicht gleich auffällt, begrenzt er sein ‘Argument’ auf Femizide und ignoriert sowohl Gewalt gegen Frauen allgemein, als auch die steigende Tendenz sowohl bei alltäglicher Gewalt, als auch bei Femiziden. Darauf hat schon Beate Hausbichler in ihrem Kommentar hingewiesen, der die ganze Sache ins Rollen brachte.

Und dann kommt auch noch das typische Nuhr’sche Geraune. Es ginge ihm um die ‘publizistische Figur’. Damit streitet Nuhr ab, dass es sich überhaupt um eine gesellschaftliche Debatte handelt, die aktiv geführt wird, sondern es sind in dieser Lesart lediglich die ‚woken Medien‘, die künstlich einen Spalt zwischen Frauen und Männern zu treiben versuchen. Ohne die müsste er sich, so möglicherweise sein Bauchgefühl, nicht mit dem schlechten Gewissen plagen, bei struktureller Gewalt irgendwie mitgemeint zu sein.

Aber, damit man ihm abnehmen könne, es wäre ihm nur um diese ‘publizistische Figur’ gegangen, wäre sein ‘Argument’ im Grunde abgeschlossen gewesen, bevor er dann noch einmal mit “Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einfach erst mal kennenlernt” nachlegt.

Dieser Satz gibt dem ohnehin widerlichen Auftritt einen ganz anderen Spin. Nuhr kann die Sache nämlich nicht gehen lassen, ohne zum einen klarzumachen, dass Frauen ja mindestens eine Teilschuld tragen. Und zum anderen muss Nuhr auch sein Weltbild über die Realität stülpen: dass Femizide nämlich, ebenso wie häusliche und sexuelle Gewalt, Taten im Nahbereich sind und eben nicht Delikte, die von geheimnisvollen Fremden begangen werden. Hätte Nuhr auf diesen Nachsatz verzichtet, der sowohl Täter-Opfer-Umkehr betreibt als auch versucht, Femizide als Taten von Unbekannten zu reframen, hätte der Unmut nie das aktuelle Ausmaß erreicht.

Geraune ist bei Nuhr nicht neu. Faule Kritik zu üben, die vor allem dann funktioniert, wenn man Fakten unter den Tisch fallen lässt, die nicht ins vorgefertigte Bild passen, auch nicht. Der Versuch, gesellschaftliche Debatten zu delegitimieren, ist allen Anti-Wokeness-Kriegern gemeinsam. Bei NIUS war Nuhr auch schon. Man darf gespannt sein, wie und wie schnell sich das weitere Kreiseln in den rechtspopulistischen, realitätsleugnenden Abgrund gestalten wird.

Links zum Weiterlesen, Weiterhören und Weitersehen

Noch ein paar Linktipps zu Nuhr und seinem ‘Werk’:

Über Femizide und strukturelle Misogynie:

Über SLAPP:


  1. Bei SLAPP-Klagen handelt es sich zumeist um Klagen, die (oft trotz geringer Erfolgsaussichten) vorwiegend deswegen geführt werden, um Journalisten, Whistleblower und Medienunternehmen unter Druck zu setzen. Kläger setzen darauf, dass die aufgewendete Zeit und Energie sowie finanzielle Risiken unliebsame Berichterstattung unterbinden werden. ↩︎
  2. Außer den Frauen. Die müssen natürlich auch noch Schuld daran haben. Siehe Absatz 6 ↩︎

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