Ja, es könnte schlimmer sein. Es könnte Trump sein. Aber “nicht ganz so schlimm wie Trump” hilft nur wenig, die Regierung und vor allem die Personalie Merz, inzwischen nicht als völlig unerträglich zu empfinden. Daher war mit dem Rücktritt von Bärbel Bas (so wenig ich die realexistierende SPD schätze) heute meine Grenze erreicht und ich musste mir Luft machen. Die folgende Mail ging an die CDU‑Bundestagsfraktion.


Ein Bundeskanzler, der seit seiner Wahl mit schöner Regelmäßigkeit wechselnde Teile der Bevölkerung beleidigt. Dessen aktiver Wortschatz – »Judenfahne«, »Nutznießer« etc. – tiefere Einblicke in seine Gedankenwelt erlaubt, als man haben möchte. Eine Regierung, die ihrer Bevölkerung wiederholt Faulheit unterstellt, von »Lifestyle-Teilzeit« faselt. Deren Kanzler für vier Wochen im Urlaub verschollen ist. Während einer Hitzekrise. Während Russland einen deutschen Flughafen angreift. Dessen ehemaliger Fraktionsvorsitzender lieber mit Kind in den Urlaub fliegt, als im Haushaltsausschuss zu sitzen. Mit einem Kind, für das er alle angeblichen Werte von sich selbst und seiner Partei über Bord geworfen hat. 

Dieser härtestmöglich urlaubende Bundeskanzler mit seinem härtestmöglich urlaubenden Stab wirft einer SPD‑Politikerin, die einen Todesfall zu verkraften hat, vor, nicht anwesend genug zu sein. 

Wie abgehoben, wie nicht merkend, wie bar jeder Menschlichkeit und Integrität muss man sein, dass ein solches Szenario zustande kommen kann? 

Das alleine wäre schon schlimm genug und einer Regierungspartei vollkommen unwürdig. 

Hätte sich da nicht inzwischen bestätigt, dass man es wirklich eine gute Strategie fand, sich als ›bessere AfD‹ zu positionieren. Als hätte es noch einen weiteren Datenpunkt gebraucht, um zu belegen, dass immer das Original gewählt wird, nicht die Kopie, und konservative Parteien, die versuchen, auf den rechtspopulistischen Zug aufzuspringen, Schaden nehmen. 

Aber nein, der Kanzler, der überzeugt davon ist, dass ihm andere Menschen intellektuell nicht folgen können, und seine Partei mit ihm, rennt in jede von der AfD aufgestellte Falle mit einer Geschwindigkeit rein, als würden dort lukrative Berateraufträge vergeben. 

Und wenn es dann, im ›told you so‹igsten ›told you so‹ in der Geschichte der ›told you so’s‹, schiefgegangen ist, verhelfen Mitglieder der CDU in Sachsen-Anhalt einer rechtsradikalen Landesregierung zur Macht und meinen, dass wir da jetzt eben durch müssen.

Wir befinden uns damit in der Gefahr, das ›told you so‹-Kontingent für die nächsten Jahrzehnte aufzubrauchen, denn, falls es Ihnen entfallen ist: Das ist bereits deutlich öfter nicht gut gegangen, als es gut gegangen ist.

Aber statt sich vielleicht spät, aber besser als nie, mit den begangenen – eigenen – Fehlern zu beschäftigen, ist natürlich die SPD schuld daran, dass sich die CDU an der 5‑%-Hürde ganz böses Aua geholt hat. 

Es wäre jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt, »Heinrich Brüning«, »Franz von Papen«, »Kurt von Schleicher«  zu googeln und über die historische Verantwortung und historische Schuld konservativer Parteien und Politiker nachzudenken. 

Aber, das ist jetzt wieder zu viel Wissenschaft, vermute ich? Wie sonst kann es sein, dass CDU-Politiker in einem unfassbaren Beispiel von Arbeits- und Verantwortungsverweigerung von »Wetter« reden, wenn die Auswirkungen des Klimawandels bereits zu einem immensen wirtschaftlichen Schaden führen? Von den 16.000 Hitzetoten ganz zu schweigen. 

Dabei würde es doch schon reichen, einen Blick zur FDP zu werfen, die sich seit Jahren ganz sicher ist, dass ›die eingeschlagene Richtung, nur noch härter‹  der richtige Weg ist. Für die man inzwischen wieder die »Fast-drei-Prozent«‑Witze der 90er Jahre ausmotten darf. 

Für diese Regierung und ganz besonders für diesen Kanzler, diesen Regierungschef, der anscheinend glaubt, so hoch über uns ungewaschenen Massen zu schweben, dass er sowohl sein Vokabular als auch seinen Tonfall direkt von den Landjunkern des 19. Jahrhunderts importiert hat, kann ich mich nur noch schämen. 

Sollte Herr Merz den Nachweis benötigen, dass man sein Verhalten üblicherweise als ›einfach kein Umgang‹ oder in Management-Ratgebern als ›schlechtes Beispiel‹ bezeichnet, kann ich dem gerne mit der nötigen Literatur abhelfen. ›Gewaltfreie Kommunikation für Dummies‹ ist im Salär eines Millionärs scheinbar einfach nicht drin. 

Bleibt meine grundlegende Frage: Gibt es noch Integrität in der CDU, oder machen Sie das nicht mehr? 

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