Mir gehen in der aktuellen Situation langsam die Kraftausdrücke aus. Und gut für meinen Blutdruck ist sie auch nicht. Deswegen musste ich etwas davon dahin umleiten, wo die Kritik angebracht ist. Ans Land.


Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Lucha.

Bis vor wenigen Tagen konnte man sich (relativ) glücklich schätzen, in Baden-Württemberg zu leben und nicht etwa in NRW oder einem anderen Bundesland, in dem die Impfungen noch schleppender laufen und es noch schwieriger ist, an einen Impftermin zu kommen.

Das ist, wohlgemerkt, kein Lob wie gut es im Land Baden-Württemberg lief, sondern es war nur eine gewisse Erleichterung in Baden-Württemberg zu leben, weil man sah, wie schlecht es noch hätte laufen können.

Mit dem – wohlgemerkt vorläufigen – AstraZeneca-Impfstopp hat das Land Baden-Württemberg beschlossen, alle bereits vergebenen Impftermine abzusagen. Nicht nur abzusagen, sondern auch ersatzlos zu streichen. Und das, nachdem es teils tagelanges Bemühen benötigt hatte, um dem System einen freien Termin abzutrotzen.

Weil es, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich war, ein benutzerfreundliches System zu schaffen, das in der Lage ist, Impfwillige und -Berechtigte auf eine Warteliste einzutragen, sie präferierte Tage/Zeiten angeben zu lassen und dann die Termine anhand der Angaben und den vorhandenen Ressourcen zuteilen zu lassen.

Statt dessen schafft man ein unzureichendes und untermotorisiertes, aber überbürokratisches System, kombiniert es mit einer völlig unterbesetzten Telefonhotline und macht das Gesundheitsproblem für Risikogruppen, einen möglichst zeitnahen Impftermin zu erhalten, zu einem Privatproblem von jeder einzelnen betroffenen Person.

Es sind zehntausende, möglicherweise eher hunderttausende Stunden Lebenszeit und Nerven, die die Bürger Baden-Württembergs investieren – und teilweise stellvertretend Kinder und Enkel für ihre Eltern und Großeltern – um im Endeffekt allen zu nutzen: nämlich die Pandemie nicht weiter anzutreiben.

Zehn- oder hunderttausende Studen, die investiert werden müssen, weil man hatte ja nur ein Jahr um sich auf die Impfkampagnen vorzubereiten. In der Zeit kann man ja gar kein vernünftiges, durchdachtes und robustes System schaffen. Ein System, dass die Terminvergabe nicht zum Privatproblem jedes einzelnen Bürgers macht, statt sie mit robuster, durchdachter Technik zentral abzufangen.

Mir erscheint es so, dass unsere Regierungen und Behörden das Mantra des ’selbstverantwortlichen Bürgers‘ nicht deswegen vor sich hertragen, weil sie an die Kraft der Selbstverantwortung glauben, sondern weil es sie – excuse my french – von der Verantwortung befreit ihre verdammten Arsch zu bewegen, über den Tellerrand hinaus zusehen und Lösungen zu schaffen, die nicht eine Beleidigung jeglicher empfindungsfähiger Lebensformen darstellen.
(Und ich bin fast geneigt sogar nicht-empfindungsfähige Lebensformen einzuschließen.)

Manche Probleme gehören zentral gelöst. Manche Probleme können durch Technik gelöst werden. Wenn beides zusammentrifft, dann sollten sie auch zentral und durch Technik gelöst werden und nicht durch Arbeits- und Lebenszeit (und Nerven!) jedes einzelnen Bürgers des Landes.

So wird das Versagen des Staates, die Pandemie durch eine durchdachte Impfstrategie zu brechen, und das Versagen des Landes, die Struktur rechtzeitig und tauglich bereit zu stellen, erneut zu einem Problem für jeden einzelnen Bürger.

Hunderte davon werden die Wiederaufnahme der Impfungen für die Risikogruppe 2 nicht mehr erleben. Tausende davon werden das Ende der Impfungen für die Risikogruppe 2 nicht mehr erleben.

Weil völlig unverständlich nicht _sofort_ bei einem Abbruch der Impfungen mit anderen Pandemie-Begrenzungsmaßnahmen reagiert wird, sondern man es einfach mal so in die 3. Welle hineinlaufen lässt.

Ich habe vorgestern die Grünen gewählt. Ich bereue diese Wahl jetzt schon.

Mit frustrierten Grüßen,
Mela Eckenfels


2 Comments Mela schreibt, wegen des Impfdebakels, ans Land

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