Bei diesem Beitrag handelt es sich um das Blog-Archiv eines Threads auf Twitter.
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Inhalte können inzwischen veraltet oder überholt sein.
Der Beitrag sollte immer im Kontext der Ereignisse gelesen werden, in dem der ursprüngliche Thread auf Twitter entstand.

Kürzlich wurde ich auf Twitter gebeten, bei der Unterrichtsvorbereitung einer Lehrerin in Sachen Fake-News zu helfen. Dazu haben ich beispielhaft ein Video analysiert, bei dem der Pressesprecher des Russischen Präsidenten, Dmitri Sergejewitsch Peskow, vom staatlich kontrollierten Auslandssenders RT interviewt wird. Das Interview wurde über den Twitter-Account des deutschsprachigen Senders RT-Deutsch verbreitet.

Enjoy the ride.

Das Video

Schritt 1: Was gibt es zum Thema Auslandssender zu bedenken?

Okay, ich denke, als Vorraussetzung um die Beiträge an sich zu besprechen, muss man erst mal etablieren, was RT und RT Deutsch für Sender sind. Das Auslandssender fast immer den Hintergrund haben die Politik oder Ansichten der Bevölkerung in anderen Ländern zu beeinflussen.

Das kann durchaus auf guten Absichten basieren, man muss das aber immer mitbedenken. Auslandssender sind fast immer Propaganda – im Sinne der relativ offenen Historiker-Definition, die Propaganda nicht nur als negativen Vorgang sieht:

Auch die Deutsche Welle hatte bzw. hat eine solche Aufgabe. Sie gibt zum Beispiel Menschen eine Stimme und Reichweite, die in ihrer Heimat verfolgt werden und nicht öffentlich sprechen können.

Aber in einem Kriegsfall wird ein Auslandssender unweigerlich zu einem Medium, in dem sich das kriegsführende Land besonders gut darstellt und auch versucht Kriegsursachen oder das Vorgehen der Truppen in einen Kontext zu setzen, der den Krieg als gerechtfertigt erscheinen lässt.

Daher ist denke ich, der erste Schritt zur Bewertung sich klarzumachen: Hier stellt sich Russland nach Außen hin besonders positiv dar und versucht auch den Krieg als gerechtfertigt zu vermitteln.

Um hier wirklich kritisch und nicht voreingenommen zu sein, solle man zumindest in Betracht ziehen, dass auch ein Auslandssender nicht zwingend ein “Lügensender” sein muss, aber den Bias, dass sich ein Land in ein positives Licht setzt, nie aus den Augen verlieren.

Dann aber, kann man durchaus einen zweiten Blick auf die Arbeit von RT Deutsch werfen und zwar in Bereichen, wo man Wahrheit und Lüge ein bisschen besser auseinander halten kann, als in einer dynamischen, unübersichtlichen und sich entwickelnden Situation.

Zum Beispiel in Sachen Impfen. Da ist nämlich die Linie dass der staatliche Rundfunk im Land durchaus Werbung dafür macht, während RT Deutsch versucht Unsicherheit zu schüren.

Dagegen direkt aus dem Mund des Präsidenten: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/putin-sprecher-impf-gegner-sind-gefaehrliche-irre-li.201612
(Disclaimer: Die Berliner Zeitung ist als Quelle auch immer mit Vorsicht zu genießen.)

Und am Besten orientiert man sich auch immer daran, was die Verantwortlichen selbst sagen:

Hier sagt eine Verantwortliche sehr deutlich, dass auch, wenn sie sich gerade nicht im Krieg befinden, die Möglichkeit des Krieges medial vorbereiten um wenn es dazu kommt, medial die Oberhand zu haben.

Sie gibt also zu, in Friedenszeiten bereits den medialen Krieg zu führen und das ist eine Aussage, der man unbedingt glauben sollte.

Gerade autoritäre, reaktionäre und faschistische Regime sagen immer, was sie wirklich zu tun gedenken. Man muss nur zuhören.

Gerade autoritäre, reaktionäre und faschistische Regime sagen immer, was sie wirklich zu tun gedenken. Man muss nur zuhören.

Nun ist Russland im Krieg und ein Faktor, der den Erfolg oder Misserfolg Russlands bedeuten kann, ist der Westen. Medial führen sie den Krieg bereits seit Jahren. Wir haben es nicht mit einem wohlmeinenden Auslandssender zu tun, der nur versucht das eigene Land gut darzustellen.

Das ist schon mal ein ganz anderes Level an Misstrauen und Verstellen, als man gemeinhin in Friedenszeiten zwischen Ländern vermuten sollte, auch wenn diese Länder nicht verbündet sind.

Schritt 2: Rhetorik und Bildsprache

Das ist ein Video, das natürlich besonders in der Retrospektive sehr interessant ist und das auch sehr viele Facetten hat. Ich versucht mal langsam durchzugehen:

Mir wird bei den Verrenkungen dort auch schon fast schwindelig, weil die Argumentationsweise sind im Video mehrfach ändert, auch wenn es nur sehr kurz ist.

Zielgruppenbestimmung und Basisfragen

Also. Basisfragen des Deutschunterrichts, die hier sehr wichtig sind:


1. Wer spricht?

Der Pressesprecher des Präsidenten

2. Für welches Publikum?

Das ist weit schwerer zu beantworten. Im Prinzip sollte jemand wie ich das Publikum sein.

Also jemand, der sowohl kein Russisch spricht, als auch nur über sehr oberflächliches Wissen über Russland und die Nachbarstaaten verfügt. Für deine Schüler könnte daher interessant sein, mit der Fragestellung an das Video heranzugehen, ob es die Zielgruppe erreicht.

Dazu wäre es wahrscheinlich hilfreich, ihnen Fragen an die Hand zu geben, die sie mit Hilfe des Videos versuchen zu beantworten und darauf vorbereitet sein, dass es eine Übung in Frustration sein wird.

Fragen wie:

  • Wer sind die Konfliktparteien?
  • Wer provoziert wen?
  • Wer gibt das Datum für den Einmarsch bekannt?
  • Was ist die Rolle des Westens?
  • Oder: Von was zur Hölle spricht er eigentlich?

*hüstel* sorry.

Punkt ist: Das ganze Video ist sehr verwirrend. Die Aussagen sind unkonkret. Für jemanden ohne Vorwissen ist es kaum zu erfassen, um was es überhaupt geht. Teilweise scheinen sich die Aussagen sogar zu widersprechen. Das könnte an der Übersetzung liegen.

Aber ich frage mich, ob der Effekt nicht sogar beabsichtigt ist.

Ich nannte es in meinen Slides “Handwaving”. Möglichst unkonkret bleiben und vage aussagen zu machen. Dann hat man hinterher ‘plausible deniability'1)Etwas abstreiten, das man zwar getan hat, aber dabei glaubhaft klingen.

D.h. man kann sich immer drauf rausreden, das Gegenüber habe die Aussagen falsch verstanden, man habe es anders gemeint oder – ja – es sei ein Übersetzungsfehler. Etwas, das vielleicht ‘in der Hast’ auch passiert ist.

Ein genauerer Blick auf die Machart des Videos — Viel Aufwand für wenig Inhalt

In dem Zusammenhang kannst Du Deine Schüler mal zählen lassen, wie viele Einstellungen es in dem Video gibt.

Wir haben hier nämlich kein durchgehendes Interview, sondern die Kamera wechselt in der Mitte sogar die Seite.

Das ist ein Aufwand, den würde man für ein Interview zwischen Tür und Angel kaum betreiben. Das könnte man mal mit Interviews vergleichen, die z.B. im Voyer des Bundestags geführt werden.
Das hier ist also kein Interview zwischen Tür und Angel.

Man will möglichst viel von der Umgebung zeigen. Vielleicht will man sogar durch den Perspektivwechsel davon ablenken, dass die Argumentation die Richtung wechselt.

Da hat sich also ein beschäftigter Pressesprecher sehr viel Zeit für ein Interview genommen, in dem die Kamera zwischendrin die Position wechselt (oder man gleich zwei aufgebaut hat, was ich bei der Perspektive zu Beginn nicht glaube) und man neu die Beleuchtung etc checken muss.

Das heißt, was hier wie eine mehr oder weniger zusammenhängende Aussage dargestellt wird, wurde mindestens einmal unterbrochen und aus mehreren Gesprächsteilen zusammengesetzt. Das ist viel Aufwand für erschütternd wenig Inhaltliches.

Was wird gesagt und wie?

Gleich zu Beginn ist nicht klar, auf wen bezieht er sich? Wer nennt das Invasionsdatum? Es erscheint aber so, als stelle er die Frage an den Pressesprecher, wann Russland also mit der Invasion beginnt.
Antwort darauf: Der Präsident schenkt dem keine Beachtung.

Das ist der erste Punkt, der den Zuschauer verwirrt. Sollte der Präsident nicht wissen, wann sein Land einmarschieren will?
Es wird aber auch nicht deutlich gesagt: “Die Ukraine behauptet das.” “Die Amerikaner behaupten das.”

Warum bleibt man so vage, wenn man sich durch die Behauptung dann auch noch provoziert fühlt?

Gut, man könnte jetzt also extrapolieren, die Ukraine behauptet, dass Russland einwandern wird. Denn das sind ja die Spannungen, die eskalieren könnten.

Man könnte dann sagen: The plot thickens. Er meint also, dass jeder Zwischenfall an der Grenze (welcher?) zu einer Reaktion führen könnte. Aber durch wen? Russland? Muss er ja wohl meinen, denn er sagt ja nicht ‘ich könnte mir vorstellen, dass die Rebellen reagieren’.

Der Punkt, an dem ich mich frage, ob wir es mit schlechter Übersetzung oder absichtlich schlechter Übersetzung zu tun haben. Da er nicht darauf eingeht, über wen er genau redet, würde ich das lesen, dass er Russlands ‘Übung’ das Datum für den Einmarsch bekanntzugeben meint.

"All dies kann sich also nachteilig auf die tägliche Übung auswirken, das Datum für den Einmarsch Russlands in die Ukraine bekannt zu geben."
Peskow: “All dies kann sich also nachteilig auf die tägliche Übung auswirken, das Datum für den Einmarsch Russlands in die Ukraine bekannt zu geben.”

Also erst andeuten: Ja, wir planen einzumarschieren, aber stört uns bis dahin nicht mit nervigen Fragen … oder sonst!

Um dann direkt eine 180 Grad-Wende hinzulegen: “Leute, warum sollte Russland überhaupt einmarschieren, denkt doch mal nach!”

"Dies ist eine sehr schlechte Praxis. Ein Aufruf zur Vernunft. Der Aufruf, sich zu fragen: Welchen Sinn hat es, dass Russland jemanden angreift?"
Peskow: “Dies ist eine sehr schlechte Praxis. Ein Aufruf zur Vernunft. Der Aufruf, sich zu fragen: Welchen Sinn hat es, dass Russland jemanden angreift?”

Um dann weiterhin maximal vage zu bleiben. An welche Geschichte soll man sich erinnern? Das erinnert an Leute, die “Du weisst schon” sagen, wenn man absolut nicht ‘schon weiß’.

"Ein Aufruf, sich an die Geschichte zu erinnern. Nun, sagen wir einfach, "
Peskow: “Ein Aufruf, sich an die Geschichte zu erinnern. Nun, sagen wir einfach, “

Welche Geschichte ist im Westen nicht so gut.

Warum spricht er überhaupt den Westen an, wenn es doch nur um die Ukraine geht und die Rebellen. Und eben nicht mal um Russland und schon gar nicht um den Westen?

"dass die Geschichte im Westen nicht sehr gut ist, wie wir in letzter Zeit gesehen haben."
Peskow: “dass die Geschichte im Westen nicht sehr gut ist, wie wir in letzter Zeit gesehen haben.”

Gerade noch waren wir beim Westen und nun gehts zum Ukrainischen Präsidenten. Hier wird auch das Vorwissen vorausgesetzt, was das Minsker Maßnahmenpaket ist. Auch die Übersetzung ist sehr verklausuliert formuliert.

Im Prinzip: “Der ukrainische Präsident hält sich nicht an die Regeln.” Aber das auch handwavy verschachtelt ausgedrückt.
Dann dieses rhetorische Device: Die “Rule of Three”. Weiß gerade nicht, wie man es im Deutschen nennt.

"Betrachtet man alle Äußerungen Selenskijs zusammen, so ergibt sich, dass er a) nicht kann, b) nicht will und c) niucht die Absicht hat, dies zu tun."
Peskow: “Betrachtet man alle Äußerungen Selenskijs zusammen, so ergibt sich, dass er a) nicht kann, b) nicht will und c) niucht die Absicht hat, dies zu tun.”

Er sagt nichts wesentlich Anderes als im vorhergehenden Satz, aber durch die neuerliche Rule of Three wird die Aussage verstärkt. “Der ukrainische Präsident WILL sich nicht an die Regeln halten.”

Also der ukrainische Präsident und die Rebellen (oder wer sonst?) sagen dass sie die Situation besprechen wollen. Okay, was geht das Russland an?

"Die ukrainische Seite und Selenskij erklären als Hauptziel, genau die Regelung im Südosten zu besprechen."
Peskow: “Die ukrainische Seite und Selenskij erklären als Hauptziel, genau die Regelung im Südosten zu besprechen.”

Und – tadaaa – er sagt quasi, “uns geht das nichts an”.

Peskow: “Aber wir sind keine Konfliktpartei. Und die Diskussion im Südosten sollte zwischen Präsident Selenskij und”

“Aber das verstehen alle nicht.” Okay … Um jetzt nochmal zusammenfassen, was er eigentlich im Verlauf sagt:

Frage: “Wann ist also die [russische] Invasion?”
Peskow (ab hier):

  1. Das interessiert den Präsidenten nicht (=damit haben wir nichts zu tun)
  2. Aber man versucht uns zu provozieren
  3. Ich werdet nicht mögen, was passiert, wenn ihr uns provoziert.
  4. Wir werden einmarschieren
  5. Aber ihr werdet doch nicht wirklich glauben, dass wir einmarschieren wollen? Dafür haben wir gar keinen Grund.
  6. Wisst ihr noch, damals? Da ist es auch nicht gut für euch ausgegangen.
  7. Selenskij ist schuld.
  8. Wir haben nichts damit zu tun.
  9. Und ihr seid zu blöd das zu erkennen.

Wenn man das Gespräch dann noch in den Kontext setzt, dass Putin wochenlang Truppen und Material in Stellung brachte, aber behauptete, dass er nicht vorhat einzumarschieren, wird etwas klarer, dass dieses wirre Interview möglicherweise kein Versehen ist, sondern eben ganz genau diese Verwirrungstaktik widerspiegelt.

Gaslighting in großen Stil quasi. In dem zugegeben wird, dass man einmarschieren wird, aber gleichzeitig behauptet, jeder, der den Einmarsch vorhersagt, würde lügen und übertreiben.

Und dann gleichzeitig noch die Schuld anderen zuschiebt, in dem man den Eindruck erweckt: Nein, wir wollten nicht einmarschieren, aber ihr habt uns in den Einmarsch hineinprovoziert, wir konnten gar nicht anders.

So, ich hoffe, das ergibt halbwegs Sinn für dich. Weniger verwirrend geht leider nicht.

Und noch eine Zielgruppe

Bzw. eines noch. Es gibt noch eine andere Zielgruppe, nämlich Menschen, die regelmässig RT Deutsch sehen und ‘schon verstehen’ was mit den vagen Andeutungen gemeint ist. Die lesen da vielleicht nochmal mehr und anderes raus, als ich.

Originally tweeted by Mela Eckenfels (@Felicea) on 26. February 2022.

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Fußnoten

Fußnoten
1 Etwas abstreiten, das man zwar getan hat, aber dabei glaubhaft klingen

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