Info Dieser Beitrag ist zuerst auf Publikum.net erschienen und wurde nachträglich ins Blog umgezogen.

„Mit Corona leben“. Ich kann es nicht mehr hören.

Das ist das faulste, das unmenschlichste, das visionsloseste und auch kurzsichtigste Konzept zum Umgang mit der Pandemie.

Kurz: es ist Aufgeben.

Und zwar aufgeben, bevor man überhaupt wirklich angefangen hat zu kämpfen. Es ist beschämend, es ist empathielos, wenn sich die Gesellschaft, die Politik einfach hinstellt und sagt „Was sollen wir denn machen?“. Wenn ein Teil der Bevölkerung als überflüssig deklariert wird. Wenn ein Teil der Bevölkerung von der Gesellschaft abgekoppelt werden müsste. Und zwar auch nur der Teil der Bevölkerung, der nun schon in Heimunterbringung ist, bzw. wenn andere vulnerable Teile der Bevölkerung aus den Familien hinaus und in Heimsettings gezwungen würden, wenn das berühmte „Risikogruppen schützen“ nur diese Wohnformen schützt. Nicht aber die Unterbringung in der Familie, deren Kinder in den Präsenzunterricht gezwungen werden.

Das ist das exakte Gegenteil von dem, was Deutschland in der UNBRK unterschrieben hat. Es würde eine neue Welle der Exklusion auslösen, die, sobald die Pandemie beendet ist, wahrscheinlich nicht rückgängig gemacht werden würde. Aber wenn eine Gesellschaft über die Exklusion umfangreicher Teile hinaus keine Konzepte hat, wie verdammt ideen- und mutlos ist das?Was für eine Bankrotterklärung ist das?

Ja, sorry, tut uns ja leid, aber effektive Wege zu finden, ist einfach zu anstrengend, oder was? Obwohl es die Befürworter des Nichtstuns genau so behaupten, wurden auch in der Vergangenheit Tode nicht einfach in Kauf genommen. Eine Fähre geht unter und reisst hunderte, tausende Menschen in den Tod? Der Fehler wird gesucht, gefunden, das Design für Fähren wird überarbeitet. Tote im Straßenverkehr? StVO, Fahrschule, Prüfung, Führerschein und dessen Entzug, Sicherheitsgurte, Airbags, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Verkehrsberuhigung, Durchfahrverbote, Alkohlkontrollen, Ausweichassistenten … Drogentote: Aufklärungsaktionen, Schulunterricht, Substitutionsprogramme, Streetworker.

Suizide: Telefonseelsorge, ambulante psychiatrische Versorgung, Forschung für bessere Medikamente. Krebs: Forschung, Forschung, Forschung, Aufklärung, Prävention, Impfungen.

Herzinfarkte: Forschung, Defibrillatoren in allen öffentlichen Gebäuden, Aufklärung, Angebote der Kassen für Kurse, Anreize für mehr Bewegung … Die Lebenserwartung ging genau deswegen in westlichen Ländern immer weiter hoch, weil wir uns eben nicht hingestellt haben und gesagt haben: ach, bessere Verhältnisse schaffen, das ist jetzt aber echt mühsam. Die allgemeine Lebenserwartung in der USA ist jetzt schon um 1 Jahr gefallen, weil man es zu mühsam fand, ein Konzept mit der Pandemie umzugehen zu finden, abgesehen von „is halt so“. Was für eine Aussage ist das, für ein westliches Land, dass eine vernünftige, konsequente Antwort auf die Pandemie zu mühsam ist?

Wenn die einzige Losung, die auch von der Wirtschaft ausgeht ’so weiter wie immer‘ ist, weil sich der Situation anzupassen zu mühsam erscheint? Wenn ein Bereich immer wieder überschwemmt wird, kann man sich hinstellen und sagen, dass das jetzt aber furchtbar ist und auch furchtbar sein wird, wenn beim nächsten Mal wieder 500 Leute absaufen. Oder man erarbeitet ein Konzept, das Überschwemmungen verhindert. Wenn an einer Stelle fünf Kinder totgefahren werden, kann man sich hinstellen und sagen „was sollen wir denn machen?“ oder man stellt halt einfach eine verdammte Ampel auf oder schafft eine Umgehungsstraße. Es hat keiner gesagt, dass Konzepte, für Ereignisse, die Opfer kosten, einfach sind. Oder billig.

Aber weil etwas weder einfach noch billig ist, stellt man sich überfordert an die Seite und zuckt mit den Schultern? Was für eine verdammte innovationsfaule, hedonistische Gesellschaft sind wir geworden?

Und zwar exakt die Teile der Gesellschaft, die sonst von allen anderen behaupten, zu weich zu sein, nicht fit genug, für den Wettbewerb. Genau die Teile wollen nun lieber gar nichts tun, als mal etwas anders zu machen, als sie es gewohnt sind?

„Und was tun wir beim nächsten Virus, sollen wir dann wieder …?“

Wenn wir unser Leben umbauen und der Gefahr anpassen müssen, dann wäre es Zeit jetzt damit anzufangen. Und uns zu überlegen, wie das aussehen könnte. So lange wir noch den Handlungsspielraum haben und uns dann nicht vollendete Tatsachen nur noch den Weg zulassen, den wir eben nicht frei gewählt haben. Genau die, die sich sonst gerne als Leistungsträger sehen, sind nun die, die mut- und visionslos bremsen. Die vor der Aufgabe scheuen wollen. Die sie lieber klein reden, statt sich ihr zu stellen.

Das ist so verdammt beschämend. Ein Land, ein westliches Land, ein reiches Land, ein Land, dass sich selbst zuschreibt, das Land der Erfindler, der Tüftler, der Nobelpreisträger und Denker zu sein.

Ein Land, zu dessen Entstehungslegende die Resilienz gehört, nach dem Krieg aus Trümmern neu entstanden zu sein. Durch harte Arbeit und durch Ideen.

Das Land will nun angesichts eines Virus aufgeben, die Füße hochlegen und zusehen, wie ein Teil stirbt, ein Teil unter der Arbeitslast untergeht und ein Teil sich völlig alleinegelassen fühlt?

Diese Gesellschaft will als das Land in die Geschichte eingehen, das völlig unfähig ist, eine Krise zu meistern oder sich ihr überhaupt zu stellen?

Erbärmlich. Vor dem inneren Auge: Ein Land, gestandene Politiker, gestandene Menschen aus der Wirtschaft, die sich hängen lassen wie so ein Teenager und jammern, „Mami, das ist aber zu schweeeer.“


1 Comment Rant: „Mit Corona leben?“

  1. g2-ac7916f9c30e5539054c22fabba2b70d

    Genau das, liebe Mela. Und nicht nur in D, sondern weltweit legen alle die Hände in den Schoß und lassen zu, dass wir aufgrund wirtschaftlicher und seltsamer politischer Entscheidungen jetzt von Welle zu Welle surfen, obwohl immer schon vorher klar ist, dass das passiert.

    Reply

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